Von Kai D. Eichstädt

Im Bonner Hotel "Tulpenfeld" versammelten sich harte Konkurrenten zu einer ungewöhnlichen Demonstration spontaner Einmütigkeit. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz kündigten die Chefs der vier führenden deutschen Reisekonzerne eine Schadensersatzklage gegen die Bundesregierung als obersten Dienstherrn der bummelstreikenden Fluglotsen an. Über die Klage, so verriet Wolf Tschierschke, Hausjurist des Marktführers Touristik Union International (TUI), werde noch "in dieser Woche" entschieden.

Doch "diese Woche" endete bereits vor fast drei Wochen, am 7. Juli. Bisher reichten die Touristikmanager weder die angedrohte Klage ein, noch distanzierten sie sich ausdrücklich von ihrem lauthals verkündeten Vorhaben. Beobachter des Reisemarktes argwöhnen deshalb, die Veranstalter hätten sich mit ihrer konzertierten Aktion in Bonn lediglich aus dem Schußfeld verärgerter Lufturlauber davonstehlen und der Bundesregierung den Schwarzen Peter zuschieben wollen. Den Reiseunternehmern sei von Anfang an klar gewesen, daß sie Bonn mit einer stumpfen Waffe gedroht hätten.

Vor einer Klärung der höchst strittigen Frage, ob der Bund tatsächlich für die Folgen des Lotsenstreiks einzustehen hat, müßten die Touristikfirmen nämlich zunächst einmal nachweisen, daß ihnen der von ihnen angegebene Schaden – 30 Millionen Mark Umsatzeinbuße und zwei Millionen für Betreuung und Unterbringung wartender Kunden – auch wirklich entstanden ist. Gerade dies aber ist nach Meinung intimer Kenner der Branche nicht leicht. Die Experten haben die "großen Vier" (1972 verkauften sie knapp zwei Millionen Reisen und machten damit 1,6 Milliarden Mark Umsatz) der deutschen Reisebranche – außer TUI sind dies Neckermann und Reisen (NUR), Kaufhof (ITS = International Tourist Services) und die gewerkschaftseigene "gut" – sogar im Verdacht, mit ihrer Klageandrohung von den Folgen eigener Fehldispositionen ablenken zu wollen.

In der Tat ist der Sommer 1973 bisher längst nicht so gut gelaufen, wie die Ferienstrategen kalkuliert hatten. Per 15. Mai hatten die vier großen Veranstalter nur 5,8 Prozent mehr Pauschalreisen verkauft als zum gleichen Zeitpunkt des vergangenen Jahres. Dieser Zuwachs kam aber nicht aus dem Flugtourismus, sondern weitgehend aus dem Buchungsboom für Bahnreisen und Ferienhäuser.

Freilich verlief das Geschäft bei den einzelnen Unternehmen unterschiedlich. Die Veränderungsraten liegen zwischen minus 9,6 (Neckermann) und plus 27 Prozent (Kaufhof).

Diese Zahlen, von dem erst später einsetzenden Fluglotsenstreik unbeeinflußt, sind Indiz genug dafür, daß sich die Wachstumsbranche Tourismus in diesem Jahr in einem Zwischentief befindet. Die enormen Zuwächse der Vergangenheit – NUR erreichte im Geschäftsjahr 1970/71 ein Plus von 46 Prozent – gehören offensichtlich der Vergangenheit an.