Umweltschutz ist für Entwicklungsländer oft ein zweitrangiges Problem

Bei Porto Alegre, Brasilien, fließen von einer neuerrichteten Papierfabrik in jeder Sekunde 2000 Liter ungereinigte schwefelhaltige Abwässer in den Guaiba, eine große Bucht, aus der gleichzeitig das Trinkwasser für die Millionenstadt und für das drittgrößte Industriezentrum Brasiliens genommen wird. In São Paulo und Rio de Janeiro sieht es nicht anders aus: Nur ein Bruchteil der acht Millionen Einwohner von São Paulo und der riesigen Industriekomplexe, die durch deutsche, amerikanische und in jüngster Zeit auch japanische Firmen errichtet wurden, ist an eine Kanalisation, geschweige denn an eine Kläranlage angeschlossen.

Die herrliche Guanabara Bucht, die die Portugiesen bei ihrer Entdeckung als Mündung eines Flusses (des Rio de Janeiro) ansahen, droht zu einem toten Meer zu werden. Vom Baden an der weltberühmten Copacabana raten viele Einheimische wegen des hohen Verschmutzungsgrades ab und empfehlen, weiter nach Süden an bislang noch unverschmutzte Strände zu fahren.

Umweltschutz wird in Brasilien als zweitrangiges Problem, auch in offizieller Lesart, angesehen. Auf der Umweltschutzkonferenz Stockholm sagte der Vertreter Brasiliens sinnngemäß, daß es humaner sei, durch Luftverunreinigung als durch Hunger zu sterben. Man kann sich dieser Argumentation auf den ersten Blick nicht ganz verschließen, besonders wenn man bedenkt, daß auch in den Industrienationen oft bewußt Gesundheitsrisiken und Umweltbeeinträchtigungen durch Industrieanlagen in Kauf genommen werden, wenn eine gesamtwirtschaftliche Notwendigkeit vorgegeben wird.

Aber das anfangs erwähnte Papierwerk produziert gar nicht für den brasilianischen, sondern für den europäischen Markt. Es lohnt sich offenbar in diesem Fall, zwei Schiffe kontinuierlich laufen zu lassen, da die sogenannten "externen Kosten", die in dem Heimatland Norwegen durch hohe Umweltschutzauflagen ausgeglichen werden müssen, in Brasilien nicht anfallen und damit hohe Betriebskosten eingespart werden. Fairerweise wird man anführen, daß es letzten Endes nicht nur nicht geforderte Umweltschutzmaßnahmen sind, die hier einen günstigen Standort ergaben, sondern billigere Rohstoffquellen.

Also eine Ausbeutung neuen Stils? Vielleicht, vielleicht aber auch ein Ansatzpunkt für einige Überlegungen, mit denen wir den Entwicklungsländern und die Entwicklungsländer sich selbst helfen können. Die Hypothese, daß Umweltschutz für Entwicklungsländer zu teuer sei, ist stark vereinfacht und wird diesem komplexen Thema nicht gerecht. Sicherlich kommen wir auch nicht weiter, wenn wir im internationalen Rahmen versuchen, überall gleiche Umweltnormen durchzusetzen, nicht zuletzt um "Wettbewerbszerrungen" für unsere Industrie zu vermeiden. Auch die Entwicklungsländer müssen lernen, in komplexen Zusammenhängen und Ökosystemen zu denken. Die einseitige Anbetung des wirtschaftlichen Wachstums führt zu extremen Folgeschäden, die oft irreversiblen Charakter haben. Ein abschreckendes Beispiel ist hierfür das hochindustrialisierte Japan.

Die Entwicklungsländer müssen in den Teufelskreis der Armut, der sich aus den Hauptkomponenten Arbeitslosigkeit, Armut und Unterernährung zusammensetzt, einbrechen. Aber unkontrolliertes wirtschaftliches Wachstum bringt nur kurzfristige Erfolge, wobei bei der ungleichen Einkommensstruktur in den Entwicklungsländern meistens die Schäden der großen Masse, der armen und ungelernten Bevölkerung angelastet werden. Die hochqualifizierten Techniker der großen Industriekonzerne und die reichen Bevölkerungsschichten haben in der Regel ihre Wohnsitze weit ab von den Verschmutzungszentren. Viele Fragen tauchen gleichzeitig auf: Besteht nicht auch die Gefahr, daß das Wirtschaftswachstum in den Entwicklungsländern nicht zur Verbesserung des Lebensstandards, sondern zum Bevölkerungswachstum führt und damit den Teufelskreis der Armut nur beschleunigt?