Von Georg W. Heyer

Schon einmal sind die Griechen an die Wahlurnen gerufen worden und haben einem von Georgios Papadopoulos vorgelegten Dokument ihre Zustimmung erteilt. Es war die neue Verfassung, die das Militärregime, knapp anderthalb Jahre an der Macht, am 29. September 1968 dem Volk präsentierte. Die Griechen sind damals ebensowenig freiwillig zur Abstimmung gegangen wie sie das an diesem 29. Juli tun werden, denn in Hellas besteht Wahlpflicht.

Das wahre Abstimmungsergebnis von 1968 ist nicht bekannt, das verkündete hatte mit über neunzig Prozent die erwartete totalitäre Höhe. Aber auch wenn der Prozentsatz der "Ja"-Stimmen erheblich geringer gewesen sein sollte, es spricht vieles dafür, daß sich damals dennoch die Mehrheit positiv zur neuen Verfassung geäußert hat. Gewiß war der Entwurf, der die bis dahin gültige Verfassung von 1952 ablösen sollte, von einer Verfassung nach westlichem Demokratieverständnis ziemlich weit entfernt, aber nach anderthalb Jahren harter Militärdiktatur versprach diese Verfassung eine Verbesserung der Lage.

Indes, auch zaghafte Hoffnungen auf eine Rückkehr zu demokratischeren Verhältnissen haben sich seit 1968 nicht erfüllt. Die Verfassung der Obristen wurde in ihren entscheidenden Punkten gar nicht erst in Kraft gesetzt. Die Machthaber übten ihre Macht hemdsärmlig weiter aus und taten, was sie allein für richtig hielten.

Die Tatsache, daß Papadopoulos kein großer Schurke, kein bluttriefender Tyrann ist, daß er zuzeiten nur noch ein paar Hundert politischer Gefangener in den Gefängnissen aufbewahrte und "nur ein bißchen" foltern ließ, sicherte ihm lange Zeit nicht gerade das Wohlwollen, aber doch die Duldung seiner politischen Partner im Ausland. Und nicht selten war die Meinung zu hören, die politischen Schönheitsfehler in Griechenland seien eigentlich kein zu hoher Preis für die Stabilität, die Ruhe und Ordnung und den wirtschaftlichen Aufschwung, die den herrschenden Militärs als Verdienst angerechnet werden.

Die Griechen selbst sahen es anders. Mochte sich für einen Teil von ihnen die wirtschaftliche Lage auch gebessert haben, mochten sie insgesamt in materieller Hinsicht nicht schlechter leben als vorher, das Regime, das sich so gern als Revolutionsregierung bezeichnet, blieb volksfremd und ungeliebt. Es hatte Nutznießer, aber keine Anhänger, es weckte trotz aller nationalen Töne keine nationalen Emotionen. Das Volk spürte nicht den geringsten Grund, sich mit dem neu dekretierten griechischen Wappentier, dem der Asche entsteigenden Vogel Phönix, zu identifizieren.

Im Gegenteil: ungeachtet aller tourismusfördernden Slogans breitete sich eine Atmosphäre der Gleichgültigkeit, der Angst, des Mißtrauens und der Resignation aus – wie überall da, wo ein Volk zur Überzeugung kommt, daß es wehrlos und gegen seinen Willen einem Zustand ausgeliefert ist, den es aus eigener Kraft nicht ändern kann.