Von Monica Plange

Der Klappentext stellt sie vor als "zur wahren Schriftstellerin herangereift". Auf der Bestsellerliste fand das neue Werk bald seinen stolzen Platz. In der Redaktion der ZEIT wurde erst ein Rezensionsexemplar geklaut, dann ein zweites. Man sieht: Die heute achtunddreißigjährige Françoise Sagan hat vor zwei Jahren einen delikaten Köder ausgeworfen –

Françoise Sagan: "Blaue Flecken auf der Seele", Roman, aus dem Französischen von Eva Brückner-Pfaffenberger; Verlag Ullstein, Frankfurt/Berlin/Wien; 193 S., 20,– DM.

Sie selber kommentiert ihr Werk so: "Dies ist keine Literatur, es ist kein wirkliches Bekenntnis und sich selber beschreibt sie auf der gleichen Seite mit Altersangabe (35) und dem beruhigenden Zusatz: "Und wenn mir jemand gefällt, klappt es im allgemeinen noch." (Sie meint, vermute ich, mit dem Allgemeinen das Besondere.) Die Devise lautet jetzt etwa: In dieser von Kriegen, Hungersnöten, Übervölkerung, Umweltschmutz und Ungerechtigkeit gekränkten Welt singe man den Freunden nicht die alten Töne, erspare die duftigen herben Frivolitäten aus den Luxusschuppen von Paris und St. Tropez.

Die Sagan, Inbegriff des In-Set der spätbürgerlichen Gesellschaft im Kapitalismus, hat einen Lernprozeß durchgemacht und hantiert an der Umstrukturierung ihrer Persönlichkeit. In ihr nagt Zeitzweifel, auch sie will Zeugnis ablegen von der Betroffenheit durch Europas Junge Linke. So erweisen sich denn Generationskonflikt, Emanzipationsprobleme oder Tiefenpsychologie als der Kaiserin neue Kleider. Die Spielplätze, zwar von einst, sie veröden, die Druckstellen auf der Haut, sie spiegeln auch die Versehrung der Seele wider – so nötigt denn die Autorin ihre Geschöpfe, der Schöpferin alte Rolle neu weiterzuspielen, stellvertretend gewissermaßen.

Geschwister sind’s, man kennt sie schon aus dem "Schloß in Schweden", sie heißen Eleonore und Sebastien und tragen unverdrossen die erprobten Accessoires, die man von Sagan-Geschöpfen erwartet. So wird Eleonore vorgestellt: "Mit ihren phantastischen Beinen, ihrem schlanken und muskulösen Körper, ihrem so schön geschnittenen Gesicht, den hohen Wangenknochen, den klaren Augen, die schräg zu den Schläfen hinauf verliefen, war und blieb Eleonore herrlich." Das ist nicht Einfalt mit Methode, das ist nur Einfalt. Von der gleichen aus handlichen Plastikteilen zusammengeleimten Schönheit ist auch Bruder Sebastien.

Aus Skandinavien geflüchtet, wo Eleonores Mann im Kerker sitzt, macht sich das Paar daran, in Paris ein üppiges Leben zu leben, was ohne Geld und Beruf kein Honigschlecken ist, dem Gold und Silber haben sie gern. Unter den Wappenspruch "Zahlbar, aber nicht käuflich" verdingen sich die beiden im Liebesdienst: Nora (sie ist, wie denn anders, begütert) und Bruno (er ist, wie denn anders, Filmstar) bessern die Geschwisterkasse auf. Mit Leidenschaft und Sinnlichkeit hat das nichts zu tun, hier figurieren Retortengeschöpfe aus der Haute Cuisine ihrer Autorin – ihre nackte Haut, wenn sie eine haben, sieht man nicht, sie verbirgt sich unter der Bettdecke, denn dort tickt das Uhrwerk der Aktion. Eine Art von Höhepunkt ergibt sich andem Tablettenselbstmord des eifersüchtigen Robert Bessy: Er macht es der müden Autorin zur Pflicht, sich ihrer müden Helden anzunehmen und sie abzuschleppen auf ihr Schloß in der Normardie, von wo die Geschwister durch eine geheimnisvolle Depesche aus Schweden wieder abgedrängt werden – kleiner Bahnhof, großer Abschied. Jetzt sind sie wieder in Schweden und lagern dort gewissermaßen auf Abruf, Rohmaterial, mit dem ihre Herrin bei Bedarf wird weiteiwerken können.