Trotz verstärkter Konsumgüterproduktion treten immer noch Engpässe auf

Im Mittelpunkt der Politik, so beschloß der VIII. Parteitag der SED, muß der Mensch stehen. Doch die Genossen versprachen auch konkrete Folgerungen aus dieser lapidaren Erkenntnis: Die Partei wolle mehr für die Verbesserung der Lebensverhältnisse tun, für die bessere Versorgung mit Wohnungen, Konsumgütern und Dienstleistungen. Doch die Verwirklichung dieser Beschlüsse, so erklärte jetzt der bekannteste Wirtschaftskommentator der DDR, Karl-Heinz Gerstner, brauche natürlich ihre Zeit.

Mit Stolz wird in der DDR auf erste Konsumerfolge verwiesen. So ist bei Karl-Marx-Stadt eine vollautomatische Aerosolfabrik entstanden, die seit einigen Wochen "die beliebten Sprayerzeugnisse herstellt". Hier, so meinte Gerstner, wird ein auf dem Parteitag konkret ausgesprochener Auftrag ausgeführt.

Trotz besserer Versorgung mit Spray für die Körperpflege weiß Kommentator Gerstner auch Kritisches über die Kosmetikindustrie im Lande zu sagen. Offensichtlich haben die Polen die Kosmetikindustrie der DDR überflügelt. Gerstners Anmerkung im besten Technokratendeutsch: "Ich möchte mir doch die Frage erlauben, wie der Tempoverlust unserer Kosmetik eigentlich entstanden ist und was es für Ideen und Projekte geistigen Vorlaufs in der Leichtindustrie gibt, um auch auf diesem nicht unwichtigen Gebiet unserer Bedürfnisse auf der Höhe der Anforderungen zu bleiben."

Das sind die kleinen Probleme im großen Plan: Was in westlichen Wirtschaften mit einer Weisung, einer Bestellung oder einem Beschluß in Gang zu bringen ist, das setzt in der DDR ganze Bürokratenheere in Bewegung.

Kurioses weiß auch Erich Senftieben, "Brigadier im Sakkobereich" beim "VEB Modische Herrenanzüge", Berlin, zu berichten: "Seit Jahren kämpfen wir um ausreichende Arbeitsplatzbeleuchtung. Im Rahmen einer ‚Neuvereinbarung‘ haben wir dieses Problem jetzt untersucht. Doch sollen wir nun auch noch selbst die Leuchten konstruieren und bauen?" Als der VEB Fortschritt eine neue Arbeitsplatzleuchte anbot, verlangte er Bestellungen von 5000 bis 10 000 Stück, ohne ein Probemuster zur Verfügung zu stellen. Die Bestellung mußte abgelehnt werden.

Aus dem gleichen Betrieb wird berichtet, daß die Einlagen in den Vorderpartien von Sakkos nicht eingenäht, sondern – nach dem Transport zum "VEB Rationalisierung" – mit einer Flachfixieranlage eingeklebt werden. Diese große Anlage wird jedoch kaum genutzt, und für die kleinen Konfektionsbetriebe wurde eine passende Fixierpresse noch nicht entwickelt.