Leben mit der Zweitwohnung – Motive, Erfahrungen, Tendenzen

Von Gerhard Krug

Die Pleiten in der Bauindustrie haben besonders jene Leute aufgeschreckt, die sich wie 300 000 andere Bürger der Bundesrepublik den Luxus einer Zweitwohnung leisten wollten. Insider rechnen auf diesem Markt mit einer Stagnation – Zeit zur Besinnung, Gelegenheit zur Bestandsaufnahme: Wie lebt es sich denn eigentlich mit einer Zweitwohnung? Wo liegen Vor- und Nachteile im Besitz eines zweiten Wohnsitzes?

Es fing alles so dramatisch an. Zuerst war man froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Der erste Einsatz nach dem Kriege galt den eigenen vier Wänden. Der Einrichtungswelle folgten Freß-, Auto- und Reisewelle, und man begnügte sich mit der gediegenen Pension an der Ostsee, die als größten Komfort fließendes Wasser bot.

Der Anspruch stieg. Zu Hause genoß man alle Annehmlichkeiten der Zivilisation, auf die man im Urlaub auf keinen Fall verzichten wollte. Die Hotels, meist zwischen den Weltkriegen entstanden, konnten diesen Wünschen nicht entsprechen, jedenfalls nicht so schnell wie gefordert. Ein Blick über die Grenzen zeigte, wie sehr sich Franzosen und Skandinavier für den Urlaub festlegten: Es entstand die Urlaubsindustrie, zum großen Teil begünstigt vom "Zonenrand-Förderungsgesetz". Baulöwen kamen billig zu Futter, überflüssige Gelder wurden gewinnbringend angelegt: Man wußte, wofür man so hart geschuftet hatte, man sah, wie das Geld arbeitete, man sparte auch Zeit und Ärger bei der Suche nach einem Quartier.

Der Bauboom begann. Er begann Mitte der sechziger Jahre. "Damals wollten zwei Drittel noch ein Ferienhaus", sagt ein Hamburger Bauunternehmer, "aber inzwischen hat sich für viele der Traum vom ‚Häuschen im Grünen‘ verwirklicht – nun genügt ihnen am Urlaubsort eine Wohnung."

Die Erfahrungen sind zwiespältig. Ein selbständiger Kaufmann aus Bremen: "Ich habe seit sieben Jahren eine Wohnung in Scharbeutz. Zuerst war das prima, man sparte zwei Tage für An- und Abreise gegenüber einem Ziel im Ausland. Man wußte sofort, wo man was einkaufen kann und was am Ort los war. Bei einem Drei-Wochen-Urlaub nicht unwichtig."