Konjunktur

/Von Rudolf Herlt

Die Zahl der Skeptiker wächst. Immer mehr Menschen fürchten sich davor, die wirtschaftliche Lage der westlichen Welt könnte sich so rapide verschlechtern, daß es nur noch eines geschichtlichen Unfalls bedarf, um in Verhältnissen wie in der Weltwirtschaftskrise der Jahre 1929 bis 1932 zu enden.

Der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky artikulierte nur ein allgemeines Unbehagen, als er kürzlich öffentlich bekannte, er werde durch die gegenwärtigen Entwicklungen sehr an die dreißiger Jahre erinnert. Wie damals, könnte heute irgendein zufälliger Anlaß eine ernsthafte Erschütterung des Vertrauens in der Welt auslösen. Am gleichen Tage haben ihm Experten der japanischen Mitsubishi-Bank ungebeten Schützenhilfe geliefert. Sie halten es für möglich, daß die nächste Konjunkturabschwächung das Ausmaß der Weltwirtschaftskrise erreichen könnte. Auch in deutschen Börsensälen hatte sich schon nach der letzten Markaufwertung die Furcht breitgemacht, der Weg in die große Krise könnte schon begonnen haben. Die Skeptiker sehen heute manche Parallelen zu den Ereignissen der Jahre nach 1929: Damals hatten die Menschen das Vertrauen in die damalige Ordnung verloren; viele unserer Zeitgenossen mißtrauen der unseren. Aber es gibt Unterschiede im Ablauf der Ereignisse.

Am Donnerstag, dem 24. Oktober 1929, fuhren die Amerikaner wie gewohnt zur Arbeit. Die Morgenblätter hatten keinerlei Sensationen gemeldet. Niemand wußte nachher zu erklären, wieso gerade an diesem Tag die schwerste Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg begonnen hatte. Bei den Börsenmaklern in New York hatten sich die Verkaufsaufträge gehäuft, Kaufaufträge fehlten. Die Börsenkurse waren seit langem überhöht. Als die Marktlage erkannt wurde, intervenierten die Banken. Sie konnten starke Kursabschläge nicht verhindern. Beruhigende Erklärungen zuständiger Stellen in den Abendzeitungen blieben wirkungslos.

Am Freitag, dem 25. Oktober 1929, verstärkten sich die Verkaufsaufträge. Die Kurse fielen weiter. Die Wertpapierdepots der Amerikaner, die meist mit hohen Effektenkrediten gekauft worden waren, deckten wegen der Kursrückgänge die Forderungen der Banken nicht mehr. Wurden keine Nachschüsse geleistet, mußten die Papiere am Montag zu weiter fallenden Kursen zwangsweise verkauft werden.

Am Donnerstag, dem 29. Oktober 1929, brach die Katastrophe über Hunderttausende amerikanischer Familien herein: 16,6 Millionen Stück Aktien wurden an der New Yorker Börse verkauft. Der Ticker, der die stürzenden Kurse anzeigte, konnte mit den turbulenten Ereignissen nicht mehr Schritt halten. Die Abendausgabe der Frankfurter Zeitung trug die Schlagzeile "Panik in New York".