Je tiefer sich der Bonner Untersuchungsausschuß in die Affäre Steiner und die Hintergründe von echten oder vorgetäuschten Fraktionswechseln hineingräbt, desto mehr unbeantwortete Fragen liegen auf dem Tisch. Die bisherigen zehn Anhörungen haben nur Aussagen gebracht, denen gegensätzliche Behauptungen gegenüberstehen.

Die Behauptung Julius Steiners, er habe vom SPD-Fraktionsgeschäftsführer Wienand 50 000 Mark bekommen, weil er beim Mißtrauensvotum gegen Bundeskanzler Brandt vom 27. April 1972 nicht für Rainer Barzel stimmte, stritten Wienand und der SPD-Fraktionschef Wehner in der vorigen Woche vor dem Ausschuß in Bonn energisch ab.

Beide Politiker stützten ihre Gegenargumentation vor allem auf ihre Terminkalender: Steiner will das Geld am Abstimmungstag zwischen 14 und 14.30 Uhr im Fraktionsgeschäftszimmer erhalten haben. An dem Tage aber ist Wienand nach seinen Aussagen, die Wehner und Wienands Sekretärin, Frau Tetzlaff, bekräftigten, überhaupt nicht im Geschäftszimmer gewesen.

Auch eine andere Behauptung Steiners geriet ins Zwielicht: die mittelgroße und grauhaarige Frau Tetzlaff unterschied sich deutlich von der "großen blonden Dame", die Steiner nach seinen eigenen Aussagen mit den Worten empfangen habe: "Herr Wienand erwartet Sie schon."

Temperamentvoll verlief insbesondere die Vernehmung Wehners, der sich dafür einsetzen will, daß das Bankkonto des SPD-Vorstands in gewissem Rahmen offengelegt wird. Höhere Summen als 500 Mark, so mein:e er, könnte ohnehin nur der Fraktionsvorstand genehmigen. Wehner erklärte wörtlich: "Wenn dabei von unserer Seite Geld im Spiel gewesen sein sollte, würde ich meine Aufgabe als Fraktionsvorsitzencer in die Hände der Fraktion zurückgeben."

Auch Wienand fand sich dazu bereit, seine Banken zu Auskünften darüber zu ermächtigen, ob in den zwei Tagen vor der Abstimmung oder am 27. April selber 50 000 Mark von seinen Konten abgebucht worden seien. Als die Spanne von zwei Tagen dem Abgeordneten Reddemann (CDU) nicht weit genug ging, erregte sich Wienand: "Wie man in den letzten vier bis sechs Wochen mein Privatleben ausgewalzt hat, damit kann man schon Bücher füllen. Allmählich reicht’s mir aber."