Von Grit Porsch

"Zu den besonderen Pflichten des Staates gehört es, dem einzelnen den Weg zu einem menschenwürdigen Leben freizumachen, soweit er das nicht selbst kann" (Aus "Tatsachen über Deutschland", Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, hrsg. April 1972)

Neun Sägeblätter fressen sich zirpend durch Sperrholzplatten; neun Jungen, elf bis vierzehn Jahre alt, starren auf die Bleistiftlinien, die sie zuvor mit dem Lineal auf das Holz gezeichnet haben. Sie hocken um einen großen Tisch und machen Laubsägearbeiten: ein Segelschiff, zwei Autos, drei Dampfer, Hauswände, einen Fisch. Draußen scheint die Sonne, in dem niedrigen Raum riecht es muffig nach Mörtel. Die staubigen, verdreckten Fenster bleiben verschlossen, denn draußen repariert ein Mann den Motor seines Mopeds und läßt ihn alle paar Minuten aufheulen.

Die Jungen, die nach den Anweisungen eines Sozialarbeiters ("Langsam sägen, sonst wird die Linie nicht glatt!") sehr sorgfältig arbeiten, leben in einem Obdachlosenasyl. Ihr Handwerkszeug, das Holz und ein Teil des Gehalts, das der Sozialarbeiter bezieht, werden mit Mitteln des Bundesjugendplans finanziert. Diese Laubsägearbeit ist Teil eines Modells, in dem Möglichkeiten einer sozialen Rehabilitation für die jugendlichen Bewohner von Notunterkünften erprobt werden.

Man schätzt, daß in der Bundesrepublik mehr als 500 000 Menschen in Obdachlosensiedlungen hausen. Die meisten sind Kinder und Jugendliche.

Drei Jahre lang, von Mai 1971 bis Mai 1974, beschäftigt sich in zehn ausgewählten Obdachlosensiedlungen jeweils ein Sozialarbeiter vorrangig mit der bislang vernachlässigten Gruppe der 13- bis 18jährigen. Ein Pädagogenteam aus dem Seminar für Lernbehinderte, an der Pädagogischen Hochschule Rheinland in Köln besorgt während der gesamten Dauer des Programms die kontinuierliche Auswertung der anfallenden Arbeitsergebnisse und berät die mitwirkenden Sozialarbeiter. Das Bundesministerium für Familie, Jugend und Gesundheit und die Wohlfahrtsverbände tragen die Kosten, die Kommunen stellen Arbeitsräume zur Verfügung.

Da den Kölner Pädagogen nur spärliche Unterlagen über die Situation der jugendlichen Obdachlosen in der Bundesrepublik zur Verfügung standen, entschlossen sie sich zu einer Befragung der 13- bis 18jährigen in den zehn ausgewählten Obdachlosensiedlungen zwischen Bielefeld und Karlsruhe. Mit Hilfe der Jugend- und Sozialämter ermittelten sie 470 Jugendliche; zwei Drittel von ihnen, 186 Jungen und 129 Mädchen, wurden in ausführlichen Einzelinterviews über die familiären Verhältnisse, über Schule, Arbeit und Freizeitinteressen befragt.