Von Werner Ross

Das erste deutsche Wort, das ich in São Paulo entdecke, heißt "Bier-Zentrum"; das klingt sachlicher, geschäftsmäßiger als Biergarten, wie es der Sechs-Millionen-Metropole entspricht. Bier ist im übrigen das brasilianische Nationalgetränk, das als "chope" (Schoppen) vereinnahmt wird. Die großen Marken heißen "Brama" und "Antartica", als ob das Bier aus Indien oder vom Südpol käme, aber der deutsche Braumeister, der seine Weihen in Weihenstephan bezogen hat, ist immer noch eine wichtige Figur auf dem internationalen Parkett.

Die deutschen Einwanderer haben einmal eine mächtige Gruppe gebildet, vor allem in Südstaat Rio Grande do Sul. Nun sind sie im Schmelztiegel mit umgerührt, aber Abstammungen und Verwandtschaften haben ihr Gewicht behalten. Der Senatspräsident, der beim Flugzeugunglück in Paris umkam, hatte zum schönen Vornamen Filinto den Nachnamen Müller, und der neue, schon designierte Präsident des Bundesstaats Brasilien wird Geisel heißen. Das paßt gut zu Stroessner in Paraguay und Banzer in Bolivien.

Der Rektor der Universität São Paulo, Miguel Reale, der den vierten Kongreß der lateinamerinischen Germanisten eröffnet, spricht über den Einfluß der deutschen Philosophie in Brasilien. Der war weniger sichtbar als Biergarten und Volkswagenkäfer und den deutschen Siedlern sicher gleichgültig, aber er hat die brasilianische Universitätswelt in hohem Maße mitgeprägt. Auch wer kein Portugiesisch kann, hört aus dem Vortrag die Stichworte "Kant" und "Kantismo" heraus, leicht nasaliert gesprochen. Kant war in Südamerika keine esoterische Angelegenheit, sondern der kritische Antipode der Kirche, der Aufklärungsphilosoph. Beinahe noch berühmter als Kant wurde in Spanien und Südamerika sein Schüler Karl Christian Friedrich Krause; der "Krausismo" wurde geradezu eine Modephilosophie. Diese Weltwirkung eines in Deutschland vergessenen Denkers ausgerechnet des Namens Krause kommt uns eher lustig vor, zumal, wenn man aus dem Brockhaus erfährt, daß "seine zahlreichen Schriften ... wegen der ungewöhnlichen Kunstsprache schwer lesbar" sind. Sie hat aber ihre guten Gründe: Erstens war Krause ein Kenner und Historiker der Freimaurerei, und die Freimaurerei war die Gegenkirche der Gebildeten in ganz Südamerika. Zweitens war er ein bedeutender Rechtsphilosoph, und die Keimzellen der brasilianischen Universitäten waren die Rechtsschulen, die juristischen Fakultäten von São Paulo und Recife. Die Philosophie kam sozusagen auf Schleichwegen ins Land, in die werdenden Universitäten. Auch der Einfluß der deutschen Rechtsschule war beachtlich; das brasilianische Zivilrecht ist nach deutschem Vorbild modelliert.

Der Rektor der Universität Sao Paulo geniert sich übrigens nicht, auch jüngere kritische Einflüsse der deutschen Philosophie, von Marx bis zu den Neumarxisten, mit Namen zu nennen. Die brasilianische Militärregierung hält den Geist in der Studierstube oder in der Werkausgabe für ungefährlich. Erst wenn man sich zusammenrottet, um Filme zu sehen oder Chansons zu hören, wird sie mißtrauisch.

Im übrigen ist die Germanistik in Lateinamerika nicht so krisengeschüttelt wie die deutsche. Dazu ist sie zu klein. Rund hundert Teilnehmer hat der Kongreß, ein bescheidenes Häuflein vor der Wolkenkratzerkulisse dieses südlichen Chicago auf dem gewaltigen Campus der neuen Staatsuniversität, wo Busse zum Nulltarif die Studenten von einem Bau zum anderen fahren. Es gibt wenig ausgebaute germanistische Departments; das von São Paulo, geleitet von dem aktiven und agilen Erwin Rosenthal, stellt eher die Ausnahme als die Regel dar. Oft wird die Germanistik nur von Lektoren wahrgenommen, als Sprachbetrieb mit Literaturgarnierung. Trotzdem gibt sich der Kongreß Mühe, ein richtiger Kongreß zu sein, mit Referaten über bildhafte Ausdrucksmittel im dramatischen Werk Gerhart Hauptmanns oder über Interferenzerscheinungen im Deutschunterricht mit spanischen Schülern. Ein Herr aus Nordamerika versucht sogar zur allgemeinen Verblüffung, Paul Heyse für die Nachwelt zu retten. Die deutschen Gäste setzen aktuelle Akzente: Walter Müller-Seidel spricht über die Literaturwissenschaft zwischen Linguistik und Soziologie, Hugo Steger über Kommunikationsbedürfnisse und Kommunikationsschwierigkeiten in den heutigen Gesellschaften. Nur am Abend tanzt der Kongreß, zu farbigen Sambaklängen.