Mit dem Abklingen der exotischen Zinssätze für Tagesgeld ist der Handel in den Börsensälen beweglicher geworden. Am Wochenbeginn kam es erstmals bei den Aktien zu. einer sogenannten technischen Reaktion. Natürlich wagt noch niemand von einer Wende zu sprechen, so lange der Liquiditätsengpaß in der Wirtschaft (und damit auch im Kreditgewerbe) noch nicht überwunden ist. Denn weiterhin wird Geld vom Kapitalmarkt abgezogen und auf dem Geldmarkt angelegt.

Das ist besonders bei den festverzinslichen Papieren zu merken, die seit einigen Tagen wieder unter Druck liegen. Jetzt macht sich das Ausbleiben der ausländischen Käufer bemerkbar. Einige Wochen lang Ratten sie deutsche Aktien in Inlandsrenten getauscht. Das hat die Bundesbank im vergangenen Monat verboten. Bislang ist es offenbar kaum gelungen, ein neues Loch für die Ausländer aufzureißen.

An eine weitere Steigerung des Nominalzinssatzes glaubt niemand mehr. Notfalls wird man sich mit einer längeren Emissionspause über die Runden helfen. Für die neue zehnprozentige Anleihe des Landes Berlin ist die Nachfrage nicht gerade stürmisch, aber sie wird in der Kundschaft untergebracht werden. Im übrigen läßt die internationale Kritik an den hohen deutschen Zinssätzen erwarten, daß wir am Jahresende den Zehnprozenter überwunden haben werden.

Vorerst haben die kurspflegenden Stellen jedoch Mühe, die zweite, mit einem Nominalzinssatz von zehn Prozent ausgestattete Tranche der sogenannten Stabilitätsanleihe auf ihrem Ausgabekurs von 100 Prozent zu halten. Die 8 1/2prozentige Stabilitätsanleihe bewegt sich in der Gegend von 92,50 Mark.

Natürlich sind solche Hoffnungen vorläufig noch reine Spekulation, aber sie spielt im Anlagedenken heute bereits eine bedeutsame Rolle, auch bei den Aktienkäufern. Mit Sicherheit kann man davon ausgehen, daß die Zinswende, sobald sie sich abzuzeichnen beginnt, dem Aktienmarkt den lange ersehnten Umschwung bringen wird. Da die Kurse aber diesmal nicht in den Himmel wachsen werden, weil dazu die wirtschaftlichen Voraussetzungen fehlen, trachten die mutigen Aktienkäufer danach, möglichst schon "von Anfang an" dabeizusein. Nur das garantiert wirklich große Gewinne.

Am Montag dieser Woche ist deutlich geworden, daß gar nicht einmal so viel Geld dazu gehört, die Kurse nach oben in Bewegung zu setzen. Aber wer hat noch anlagebereites Kapital? Von den Banken ist zu hören, daß private Kunden durchaus noch über flüssige Mittel verfügen und allen Lockungen ihrer Kreditinstitute, dieses als Festgeld anzulegen, widerstanden haben. Auch Investment-Fonds konnten in den letzten Wochen Liquidität ansammeln. Sie werden die jetzigen niedrigen Kurse zum Aktienkauf nutzen, wenn sie überzeugt sind, daß sie kein Übermaß an Zertifikats-Rückflüssen zu befürchten haben. Ihnen steht das Beispiel der US-Fonds vor Augen, die es versäumt haben, frühzeitig für Liquidität zu sorgen und die deshalb gezwungen waren, selbst auf dem Kurstiefpunkt Aktien zu verkaufen, um die Rückflüsse bewältigen zu können.

Das Interesse der Käufer richtet sich heute zunächst einmal auf erstklassige Standardaktien. Dabei spielt die AEG-Aktie eine besondere Rolle, weil man davon ausgeht, daß ihr Kurs im Zuge der Gerüchte um das angebliche Ersuchen nach einer Bundesbürgschaft über Gebühr gelitten hat. Ohne Zweifel hat AEG/Telefunken Rentabilitätssorgen, aber mit Sicherheit keine Liquiditätsprobleme.