Auch Watergate darf die atlantische Allianz nicht gefährden

Von Marion Gräfin Dönhoff

Wer heute ein paar Wochen durch Amerika reist und den zunehmenden Verfall der präsidentiellen Macht registriert, wird doch gleichzeitig auch immer wieder gewahr, daß es in absehbarer Zeit keine US-Regierung mehr geben wird, die so stark außenpolitisch – interessiert und einsatzbereit ist wie die Regierung Nixon. Die Kombination Nixon/Kissinger ist gerade für uns Europäer optimal und ganz und gar unersetzlich. Diese Tatsache wurde schon im vorigen Jahr während McGoverns Wahlkampf sehr deutlich. Sie hängt im übrigen nicht von der Parteizugehörigkeit des Präsidenten ab: Wer es auch sei, der nächste Präsident wird sich Europa gegenüber weit weniger kooperativ verhalten.

Die Stimmung in Amerika läßt sich am besten mit den Begriffen Unbehagen, Unmut und Überdruß beschreiben: "We are doing better and feeling worse" – es geht uns allen besser, aber wir fühlen uns alle schlechter. Nicht Isolationismus als Prinzip oder Theorie hat sich der Amerikaner bemächtigt, aber jene drei großen "Us" zeitigen in mancher Hinsicht dieselbe Wirkung: "Zum Teufel mit der Welt, sollen die sich doch um ihre Sicherheit, ihre Währung, ihre Politik selber kümmern – wir müssen jetzt erst einmal unser eigenes Haus in Ordnung bringen." Oder: "Wir sollten unsere multinationalen Unternehmungen nach Hause zurückbringen und unseren eigenen Leuten Vollbeschäftigung geben." Derlei Äußerungen kann man alleweil hören.

Wer dies recht bedenkt, kann den Europäern nur raten, die Zeit zu nutzen und gemeinsam mit den Vereinigten Staaten den Kurs der nächsten Jahre – und damit auch die Amerikaner selbst – so festzulegen, daß die atlantische Allianz auf lange Sicht Bestand hat. Es wäre grotesk, wenn sich jetzt ganz ohne Moskaus Zutun in der Entspannung das vollziehen würde, was den Sowjets jahrelang als das Ziel des Kalten Krieges vorgeschwebt hat: die Trennung Amerikas von Europa.

Natürlich ist der Umgang mit den Europäern für Washington nicht in der Sache, aber in der Methode schwieriger als die Verhandlungen mit Moskau oder Peking. Wenn die Amerikaner etwas mit Breschnjew oder Tschou En-lai abmachen, dann gilt deren "Ja" – denn sie haben keine Koalitionspartner, Parlamente oder Nachbarn, die anderntags Einspruch erheben oder beleidigt sind, weil sie nicht konsultiert wurden.

Solche Querelen setzen immer dann ein, wenn eine neue Phase beginnt, die Umdenken voraussetzt. In einer Allianz stehen nun einmal nicht alle auf der gleichen Stufe der Erkenntnis; das zeigte sich schon bei der Umschaltung von massive retaliation auf flexible response. Auch trägt das Wechselbad von Bilateralität und Multilateralität eher zur Verwirrung bei. Zwei Jahrzehnte lang standen Europa und Amerika während der Epoche des Kalten Krieges in gemeinsamer Front den Sowjets gegenüber, der gemeinsame Gegner war Moskaus Kommunismus. Inzwischen ist der Kreml zum Gesprächs- und Verhandlungspartner geworden. Washington und auch die europäischen Staaten verhandeln bilateral mit Moskau und sind zugleich weiterhin multilateral miteinander gegen Moskau organisiert. Ein so kompliziertes Verhältnis schafft natürlich gelegentlich Argwohn und Mißtrauen, sowohl diesseits wie jenseits des Ozeans.