Bahr an den Start?

Von Ernst-Dieter Schmickler

Ginge es nach der Bauernregel, die besagt, ein gutes Gewitter reinigt die Luft, so könnte der deutsche Sport westlich und östlich der Elbe auf den Beginn der längst überfälligen Normalisierungs-Ouvertüre noch in diesem Jahr hoffen. Doch auch nach einer Serie von Streitereien im Anschluß an die unbefriedigende Gesprächsrunde Anfang Juli in Magdeburg herrschen hinter der selbstbewußten Fassade der beiden deutschen Sportbünde Unsicherheit und Mißtrauen, Erfolgszwang und Unlogik. Gereizt schob der Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB) im SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" Olympiachef Willi Daume und dem Berliner Berufspolitiker und Hobbyfunktionär Horst Korber die Schuld für das bisherige "Fehlverhalten" im innerdeutschen Sportgerangel in die Schuhe.

Damit begann eine Kette von Attacken und unterschwelligen Verdächtigungen, die die Sportbeziehungen für die Bundesregierung zu einem hochrangigen politischen Thema werden ließ. Kaum war die Delegation des Deutschen Sportbundes (DSB) unter der Leitung von Dr. Wilhelm Kregel aus Magdeburg zurückgekehrt, mußte der Oberlandesgerichtspräsident aus Celle vor mißliebigen Angriffen aus Reihen der Fachverbände in Deckung gehen. Verärgert verließ Kregel in Frankfurt eine Versammlung der Fachverbände, die in der Mehrzahl dem DSB-Präsidium manches, aber bloß keine Zuständigkeiten geben wollen.

Die eigentliche Munition für die Böllerschüsse gegen die Bonner Sportpolitik kam von DSB-Generalsekretär Karlheinz Gieseler. Er ließ keinen Zweifel daran, daß der Grundvertrag und das Vier-Mächte-Abkommen über Berlin der Position um die Sportbeziehungen nicht genutzt, sondern geschadet habe. Verwunderlich war hingegen, daß die Bundesregierung ob solch herber Kritik mit Samthandschuhen ihre Erklärungen schrieb. Es ist unbestritten, daß es bei den Verhandlungen um die Normalisierung der innerdeutschen Sportbeziehungen alles andere als planmäßig verläuft, wobei es im deutschen "Nachkriegschaos" Konzeptionen nach Plan ohnehin nicht geben konnte. Doch wenn der Deutsche Sportbund durch seinen Generalsekretär nun nach einer Festigung seiner eigenen Position sucht und dabei der Politik Erfolglosigkeit vorwirft, dann werden Situationen geschaffen, die von der Sache ablenken und zu harten sportpolitischen Auseinandersetzungen innerhalb der Bundesrepublik führen können.

Dies sicherlich nur zum Nutzen der DDR-Seite. Immerhin dauerte es fast fünf Jahre, bis der Deutsche Sportbund nach seinem Kölner Hauptausschußbeschluß zur Wiederaufnahme der Sportbeziehungen zum DTSB vom 30. Oktober 1965 die DTSB-Führung am 2. Juli 1970 in Halle/Saale an den Verhandlungstisch bringen konnte. Dies geschah zudem noch unbestritten auf Grund der politischen Bemühungen Bonns um eine Ordnung der Beziehungen zur DDR. Die Mängel und sportpolitischen Einbrüche in legale Positionen der bundesdeutschen Seite wurden – zumindest teilweise – aus dem Organisationsbereich des Deutschen Sportbundes genährt. Wenn der DSB zu Recht seinen Zuständigkeitsbereich – einschließlich Westberlin – als eine Einheit ansieht, kann es eigentlich nur verwundern, daß der Deutsche Fußballbund (DFB) im Zusammenhang mit der Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 stets von der WM 1974 in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West) spricht und schreibt.

In welcher Weise "Sondereinlagen" des Deutschen Fußballbundes der Verhandlungsposition des Dachverbandes Deutscher Sportbund gegenüber der Zentralorganisation der DDR, dem Deutschen Turn- und Sportbund, nutzt, muß man sich nicht nun in der Frankfurter Sportzentrale fragen. Der plötzliche Angriff des DFB auf Sportbund und Bundesregierung läßt sich kaum mit dem vermeintlichen Zustandekommen des Städtespiels Hannover–Magdeburg zur offiziellen Inbetriebnahme des ausgebauten Niedersachsenstadions Anfang September motivieren.

Beunruhigender ist für den DSB eher die Ankündigung im DFB-Pressedienst: "Das DFB-Präsidium hatte kürzlich beschlossen, mit dem Deutschen Fußballverband der DDR Gespräche über die Erweiterung des Spielbetriebes zwischen Vereins- und Verbandsmannschaften beider Verbände zu führen." Parallelverhandlungen zwischen dem geschwächten Deutschen Sportbund und dem sich machtvoll gebenden größten Fachverband DFB wären allerdings das allerletzte Husarenstück. Angesichts der Nervosität in beiden deutschen Lagern des Sports rückt auch die Fußball-WM 1974 mit dem Austragungsort Westberlin wieder in den Blickpunkt. Die Frage von OK-Präsident Neuberger, was – wohl geschehe, wenn am 5. Januar 1974 bei der WM-Auslosung eine möglicherweise qualifizierte DDR-Mannschaft in die Gruppe mit Deutschland gerät und somit in Westberlin spielen muß, hatte Neuberger bereits Anfang Juni dieses Jahres beantwortet: "Man muß eben solche Spiel- und Austragungsvorschläge erarbeiten, daß dies nach Möglichkeit vermieden wird. Es gibt eine Menge eleganter Dinge. Die haben wir in der Schublade."

Bahr an den Start?

Ungeachtet dessen sind aber die Interessen der DDR ein entscheidendes Faktum. Eine boykottierende DDR würde zum "Schandfleck" der Fußball-WM 1974 degradiert. Eine Rolle, die Ostberlin kaum anzunehmen bereit ist. Nach dem ergebnislosen Magdeburger Treff bezog der Deutsche Sportbund eine Stellung, die in Bonn zu Rätseln Anlaß gab. Während sonst die politscheue Sportführung auf wesentliche politische Sekundant der Bundesregierung mit dem Hinweis verzichtete, der Sportbund verhandele mit dem DTSB zunächst einmal auf der Grundlage der Regeln, Bestimmungen und der Praxis der Internationalen Föderationen und des IOC, machte DSB-Generalsekretär Karlheinz Gieseler bei einer Fernsehdiskussion mit Kanzleramts-Staatssekretär Horst Graben einen eleganten Rückzieher, bei dem er überraschenderweise noch gut aussah. Seine Kritik am Kanzleramt verband er mit der Erkenntnis, Bonn sei jetzt am Zuge.

Die These: Nun muß Egon Bahr an den Start, erzeugt beim DSB eine "Gänsehaut". Zwar versicherte Gieseler wiederholt, es gebe keine Meinungsverschiedenheit mit der Bundesregierung. Doch das Gefühl, ein sich sportpolitisch stärker engagierender Clinch-Minister Bahr bringe eine befriedigende Berlinformel zustande, breitet sich über dem DSB-Haus in Frankfurt langsam aber sicher aus.