Banken müssen betteln gehen

Von Kurt Wendt

Im "Hamburger Abendblatt" fand sich letzte Woche eine ungewöhnliche Anzeige: "Deutsche Großbank sucht Geld zu Höchstsätzen", hieß es da. Die Allgemeine Commerz- und Treuhandgesellschaft in Stuttgart bot als Vermittler Interessenten Zinssätze von 11 1/2 bis 12 Prozent. Für die Genossenschaftliche Zentralbank in Stuttgart suchten die Finanzmakler auf diese Weise Beträge zwischen 200 000 und 400 000 Mark.

Der Fall ist keineswegs einmalig. Ähnliche Anzeigen erschienen auch in anderen Tageszeitungen der Bundesrepublik. Namen wurden dabei nicht genannt, vielmehr wurden die Interessenten aufgefordert, sich an Chiffre-Nummern zu wenden, hinter denen sich clevere Finanzmakler verbargen, die den Banken die gesammelten Millionen anbieten wollten. Durch Rückfrage hatten sie vorher eruiert, was die Banken denn für Millionen-Einlagen zahlen würden und was dabei für sie selbst abfallen könnte.

Seit gut zwei Wochen sind die sonst so seriösen Bankdirektoren daran, mit höchst ungewöhnlichen Methoden, wie sie bisher im deutschen Kreditgewerbe noch nicht üblich waren, Geld in die Kasse zu bekommen. Dabei akzeptieren sie nicht nur die Vermittlerdienste von Leuten, mit denen sie unter normalen Umständen nicht gern etwas zu tun haben. Eine bayerische Bank bettelte sogar telephonisch um Geld. Sie rief Leute an, bei denen sie Geld vermutete, und nannte respektable Zinssätze für Geld, das man ihr für vier Wochen überlassen wollte. "Vergleichen Sie unsere Sätze mit denen Ihrer Hausbank!" lockten die Telephon-Werber.

Im Württembergischen ließ eine Bank Besucherkolonnen ausschwärmen, die Angehörige freier Berufe, Handwerker und Gewerbetreibende aufsuchten, um sie zu veranlassen, Geld auf Termin auszuleihen. Auch Kleinstbeträge wurden angenommen.

Ursache dafür, daß die Banken um Geld betteln gehen, ist die harte Restriktionspolitik der Bundesbank. Sie hat die Kreditinstitute in eine arge Liquiditätsklemme gebracht. Um immer genug Geld an den Schaltern zu haben, zahlten die Banken in der letzten Woche bis zu 40 Prozent Zinsen, wenn sie sich für 24 Stunden Geld (Tagesgeld) ausliehen (siehe auch: "Der Kampf ums tägliche Geld" auf Seite 28). Dem Geldumlauf in der Bundesrepublik drohte ein Kollaps.

In aller Eile pumpte die Bundesbank einige Milliarden Mark in den Geldumlauf, und prompt sank der Zinssatz für Tagesgeld bis Anfang dieser Woche auf etwa sieben Prozent. Staatssekretär Karl Otto Pöhl vom Bundesfinanzministerium übte sich in Beschwichtigungspolitik und spielte den Tatbestand herunter: "Es handelt sich nur um einen Betriebsunfall der Bundesbank." Dennoch bleibt die Situation bedrohlich, denn von der Geldklemme sind keineswegs nur kleine Banken betroffen. Auch die Großbanken machen keinen Hehl aus ihrer Liquiditätsnot.

Banken müssen betteln gehen

In dieser Situation wird im Kreditgewerbe von Rentabilität kaum noch gesprochen. In den Vorstandsbüros wurde vielmehr die Devise ausgegeben: Überleben ist jetzt alles. Man stellt sich auf eine längere Durststrecke ein. Zu einer echten Entspannung, so disponiert man, wird es frühestens nach dem 10. September, dem großen Steuertermin, kommen –, falls nicht vorher dem Druck des Auslands auf die Bundesbank nachgegeben wird.

Die exotischen Zinssätze in der Bundesrepublik wirken auf den internationalen Geldmarkt wie ein Magnet. Die Mark wird auf den Devisenmärkten gesucht: die anderen Valuten müssen gestützt werden. Und Tag für Tag wird der Chor der Ausländer lauter, die fordern: "Entweder werden in der Bundesrepublik die Zinsen gesenkt, oder die Mark wird aufgewertet."

Das wiederum hat die Industrie auf den Plan gerufen, deren Manager glauben, eine neue Aufwertung nicht verkraften zu können. Sie plädieren daher für eine baldige Lockerung der Kreditbremsen, auch wenn dabei die Geldwertstabilität auf der Strecke bleibt. In Bonn spürt man bereits den wachsenden politischen Druck, der in Richtung auf einen Lohn- und Preisstopp geht. Immer häufiger müssen Regierungsmitglieder dementieren, daß ernsthaft an einen solchen Schritt gedacht wird (siehe auch Seite 30; Preisstopp ja oder nein?).

Der Bundesbank wiederum sind Spekulationen über eine mögliche Änderung ihres Spekulationen kurses unlieb. Sie möchte das Kreditgewerbe weiter "im eigenen Saft schmoren lassen". Das Direktoriumsmitglied der Deutschen Bundesbank, Irmler, frohlockt: "Es gibt kein überschüssiges Zentralbankgeld bei den Kreditinstituten, die volkswirtschaftliche Liquiditätsquote ist gleich null."

Liquidität können sich Banken und Sparkassen, sieht man einmal von einigen Löchern im grenzüberschreitenden Geldverkehr ab, nur noch durch den Verkauf von Wertpapieren beschaffen (wovon in den letzten Tagen eifrig Gebrauch gemacht worden ist) oder indem man der Konkurrenz die Einlagen der Kunden abjagt.

Nicht selten läuten in diesen Wochen in den Vorstandsetagen die Alarmglocken, wenn ein größerer Kunde etwa damit droht, von seiner Hausbank Einlagen abzuziehen. Häufig müssen sich dann die Direktoren im schwarzen Anzug aufmachen, um den Kunden zum Bleiben zu überreden – unter mehr oder weniger großen Zinszugeständnissen natürlich.

Weniger liebenswürdig sind die Herren der Kreditabteilungen. Ihr Handwerkszeug ist nicht mehr der Rechen-, sondern allein der Rotstift. Kunden, die Kleinkredite wünschen, werden durch hohe Zinsen (bis zu 19 Prozent) abgeschreckt. Und wer sich scheut, "dem kleinen Mann" so hohe Zinssätze abzuverlangen, erhöht die Sicherheitsanforderungen und mindert auf diese Weise den Kreditbedarf der Kleinkundschaft.

Banken müssen betteln gehen

Empört über diese Politik sind besonders die Sparkassenkunden, denn noch vor wenigen Wochen warben Sparkassen für solche Kleinkredite. Aber inzwischen sind auch die Kassen der Sparinstitute leer geworden, nicht zuletzt deshalb, weil wegen der hohen Inflationsraten die Sparneigung in der Bevölkerung schwindet.

Über Nacht werden Firmen die zugesagten Kreditlinien verkürzt. Dadurch gerät manches Unternehmen in Schwierigkeiten. Dramatisch wird es, wenn die Mittel für die Restfinanzierung einer Investition nicht mehr zur Verfügung gestellt werden.

Betroffen ist in erster Linie die kleinere und mittlere Kundschaft. Großunternehmen lassen sich so etwas nicht gefallen. Sie drohen einfach damit, sich eine andere Hausbank zu suchen oder die Konsortialquoten überprüfen zu wollen. An diesem Punkt wird jede Bank empfindlich, denn die Quoten in den Konsortien, nach denen die Verteilung der für den Verkauf an die Kundschaft bestimmten Anleihe- und Aktienbeträge vorgenommen wird, sind "heilige Kühe". In Normalzeiten wird im Emissionsgeschäft mühelos viel Geld verdient.

Daß dennoch auch Top-Unternehmen ins Gerede kommen können, beweist der Fall AEG/Telefunken. Im Zusammenhang mit dem Kursverfall der AEG-Aktie kursierte in den Börsensälen das Gerücht, Deutschlands zweitgrößter Elektrokonzern habe eine Bundesbürgschaft beantragen müssen.

Tatsache ist, daß AEG/Telefunken in den letzten Jahren einen Teil der Substanz verzehrt hat, um Millionen-Verluste zu decken. Aber seit einiger Zeit hat die Verwaltung die Dinge wieder im Griff. Der eigentliche kritische Punkt ist überwunden. Die Hausbanken bestätigen: AEG/Telefunken hat die eingeräumten Kreditlinien noch nicht ausgenutzt. Ein Vorstandssprecher: Es ist noch ausreichend Liquidität vorhanden.

Dagegen war das DüsseldorferBankhausTrinkaus & Burkhardt nicht mehr mit beruhigenden Erklärungen aus der Schußlinie der Gerüchte zu bringen. Das Image des Instituts hatte durch die Pleite der Bau-Kredit-Bank einen heftigen Stoß erlitten. Als größter Aktionär in die größte Bankenpleite der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit verwickelt zu sein, konnte nicht ohne Folgen bleiben, obwohl die Geschäftsinhaber ständig umherreisten, um Kunden und Geschäftsfreunde zu beruhigen. Besonders verärgert waren jene Industriekunden, die im Vertrauen auf die "untadeligen" Aktionäre der Bau-Kredit-Bank diesem Institut Millionen zu hohen Sätzen geliehen hatten und nun mit ansehen mußten, wie die "feinen" Aktionäre die Bau-Kredit-Bank fallen ließen wie eine heiße Kartoffel.

Mit der Aufnahme der First National City Bank, New York, in den Kommanditistenkreis, ist Trinkaus zwar aus der Schußlinie heraus, aber der Ansehensverlust bleibt. Auch andere Privatbanken bekommen das zu spüren. Die Geldverleiher der Industrie, verleihen heute kein Geld mehr auf den guten Namen einer Bank hin.