In dieser Situation wird im Kreditgewerbe von Rentabilität kaum noch gesprochen. In den Vorstandsbüros wurde vielmehr die Devise ausgegeben: Überleben ist jetzt alles. Man stellt sich auf eine längere Durststrecke ein. Zu einer echten Entspannung, so disponiert man, wird es frühestens nach dem 10. September, dem großen Steuertermin, kommen –, falls nicht vorher dem Druck des Auslands auf die Bundesbank nachgegeben wird.

Die exotischen Zinssätze in der Bundesrepublik wirken auf den internationalen Geldmarkt wie ein Magnet. Die Mark wird auf den Devisenmärkten gesucht: die anderen Valuten müssen gestützt werden. Und Tag für Tag wird der Chor der Ausländer lauter, die fordern: "Entweder werden in der Bundesrepublik die Zinsen gesenkt, oder die Mark wird aufgewertet."

Das wiederum hat die Industrie auf den Plan gerufen, deren Manager glauben, eine neue Aufwertung nicht verkraften zu können. Sie plädieren daher für eine baldige Lockerung der Kreditbremsen, auch wenn dabei die Geldwertstabilität auf der Strecke bleibt. In Bonn spürt man bereits den wachsenden politischen Druck, der in Richtung auf einen Lohn- und Preisstopp geht. Immer häufiger müssen Regierungsmitglieder dementieren, daß ernsthaft an einen solchen Schritt gedacht wird (siehe auch Seite 30; Preisstopp ja oder nein?).

Der Bundesbank wiederum sind Spekulationen über eine mögliche Änderung ihres Spekulationen kurses unlieb. Sie möchte das Kreditgewerbe weiter "im eigenen Saft schmoren lassen". Das Direktoriumsmitglied der Deutschen Bundesbank, Irmler, frohlockt: "Es gibt kein überschüssiges Zentralbankgeld bei den Kreditinstituten, die volkswirtschaftliche Liquiditätsquote ist gleich null."

Liquidität können sich Banken und Sparkassen, sieht man einmal von einigen Löchern im grenzüberschreitenden Geldverkehr ab, nur noch durch den Verkauf von Wertpapieren beschaffen (wovon in den letzten Tagen eifrig Gebrauch gemacht worden ist) oder indem man der Konkurrenz die Einlagen der Kunden abjagt.

Nicht selten läuten in diesen Wochen in den Vorstandsetagen die Alarmglocken, wenn ein größerer Kunde etwa damit droht, von seiner Hausbank Einlagen abzuziehen. Häufig müssen sich dann die Direktoren im schwarzen Anzug aufmachen, um den Kunden zum Bleiben zu überreden – unter mehr oder weniger großen Zinszugeständnissen natürlich.

Weniger liebenswürdig sind die Herren der Kreditabteilungen. Ihr Handwerkszeug ist nicht mehr der Rechen-, sondern allein der Rotstift. Kunden, die Kleinkredite wünschen, werden durch hohe Zinsen (bis zu 19 Prozent) abgeschreckt. Und wer sich scheut, "dem kleinen Mann" so hohe Zinssätze abzuverlangen, erhöht die Sicherheitsanforderungen und mindert auf diese Weise den Kreditbedarf der Kleinkundschaft.