In der Chausseestraße 131 in Ostberlin, unweit des Dorotheenstädtischen Friedhofs, auf dem Bert Brecht begraben liegt, lebt Wolf Biermann. Er ist Deutschlands begabtester Liedermacher. Aber nach dem Willen der SED ist er zum Schweigen verurteilt.

Für die Weltjugendfestspiele hat er ein Lied geschrieben. Es handelt von dem „Commandante Ché Guevara“ – ein schlichtes Lied, das in knappen Worten das Leben dieses südamerikanischen Revolutionärs beschreibt. Biermann hat es offiziell eingereicht und es auch dem SED-Chef Honecker schriftlich ans Herz gelegt. Doch die Genossen hüllen sich in Schweigen. Wolf Biermann behält sein Lied unter Verschluß; er spielt es seinen Gästen vor, aber er rückt es zur Veröffentlichung nicht heraus. „Solange meine Genossen in der Führung noch darüber nachdenken, ob und wann ich dieses Che-Guevara-Lied in der DDR singen darf, bleibt das Lied in meiner Wohnung.“

Vor 23 Jahren, zu Pfingsten 1950, hatte der 14jährige Wolf Biermann aus Hamburg als Sprecher von 800 westdeutschen Pionieren beim Deutschland-Treffen der Freien Deutschen Jugend dem FDJ-Chef Honecker die Hand gereicht. „Wir geloben“, zitierte die Junge Welt den Hamburger Pionier Biermann, „daß für uns die Deutsche Demokratische Republik, an deren Spitze unser großes Vorbild, unser Präsident Wilhelm Pieck, steht, die Grundlage für ein schöneres, besseres Leben ist. Wir kennen keine Zonengrenze. Für uns gibt es nur ein Deutschland mit seiner Hauptstadt Berlin.“ Damals war der „verhärmte Arbeiterjunge“ aus Hamburg der Held des Tages, Vorbild für die Jugend der DDR. Heute wagt keiner, seinen Namen zu nennen.

Doch es gibt Gerüchte, hartnäckige Gerüchte, daß Biermann in der DDR wieder singen darf. Wann darf er? v. K.