Es gibt einen aktuellen Grund, des Dichters Christian Wagner zu gedenken, geboren 1835 und gestorben 1918 in dem Bauerndorf Warmbronn, das hinter einem der großen Wälder westlich von Stuttgart liegt.

Der Ruhm Wagners war in früheren Jahrzehnten weit über Württemberg hinausgedrungen, und es gab mehrere Ausgaben seiner Gedichte, unter anderem eine 1920 von Hermann Hesse besorgte und eingeleitete im Verlag Georg Müller. Aber diese Ausgaben sind längst vergriffen, und die Menschen, denen er teuer ist, betreiben nicht die Werbung, die heute zum Literaturbetrieb gehört.

Manchmal wird er als schwäbischer Dichter oder Bauerndichter etikettiert, was etwa ebenso richtig ist, wie wenn man Eduard Mörike – in dessen Kategorie und auf dessen Höhe er gehört – zum schwäbischen Dichter und den Wagner mit dem Vornamen Richard zum sächsischen Komponisten erklärte.

Christian Wagner war zwar Zeit seines Lebens Bauer, armer Kleinbauer, der mit Kühen fuhrwerkte; aber ein Bauer, der Dichter ist, ist darum kein Bauerndichter. Es gibt von ihm wahre lyrische Meisterwerke; wahre Wunder, besonders für den, der die armselige Volksschulbildung seiner Jugendzeit und das ungemein karge Leben kennt, das er geführt hat. Es handelt sich um eine hohe und originale Dichterbegabung, sowohl in der Bild- und Vorstellungswelt wie im Formalen. Der kritische Karl Kraus hat Wagner sehr bewundert und in der "Fackel" vom Juli 1922 zwei seiner Gedichte abgedruckt; er spricht von ihnen als "Sprachwunder".

Der aktuelle Grund: das Bauernhaus, in dem Christian Wagner gelebt hat, ein schönes altes Haus mitten im Dorf, ist auf Umwegen in das Eigentum eines großen Stuttgarter Bauunternehmers geraten, der es abreißen will, um dort ein Geschäftshaus zu errichten. Das alte Haus ist seit langer Zeit durch Holztafeln als Wagner-Haus gekennzeichnet; und eine Wagner-Stube darin wurde als Gedenkstätte erhalten; Wagner war Ehrenbürger der Gemeinde. Äußerlich ist das Haus im scheinbaren Verfall; der Putz ist abgefallen, Fensterscheiben sind eingeschlagen, das Dach ist schadhaft, Baugerümpel ist ums Haus gelagert. Amtlich wurde festgestellt, daß das Haus gesund ist. Ein neuerdings gegründeter Christian-Wagner-Verein hat sich bisher vergeblich bemüht, das Haus zu erhalten. Man versucht, es jetzt unter Denkmalschutz zu bringen. Wer weiß, welche Interessen die stärkeren sein werden? Richard Schmid

CHRISTIAN WAGNER:

Strahlt nicht auf mitunter, so zu Zeiten,