Von Rudolf Herlt

Es ist 9.45 Uhr. Der Gelddisponent der Bank wählt die Nummer seines Kollegen bei einer befreundeten Bank. Es ist ein Routinegespräch: "Wie sehen Sie aus?" "Ich gebe etwas ab", heißt es lapidar am anderen Ende. "Zehn Millionen, Satz später." Das Geschäft ist perfekt. Bis 10.45 Uhr werden mit vielen anderen Instituten Meinungen ausgetauscht, die Lage wird erörtert. Dann werden die Sätze abgesprochen: "Neununddreißig." Um 11.15 Uhr ist alles zu Ende. Der Geldmarkt hat seine Pforten wieder geschlossen.

So oder so ähnlich müssen die Gespräche am Donnerstag, dem 26. Juli, gelaufen sein. An diesem Tage sind für Tagesgeld bis zu 39 Prozent Jahreszinsen bezahlt worden. Die zehn Millionen Mark, die der Gelddisponent für seine Bank bis zum nächsten Morgen geliehen hat, kosten 10 800 Mark (3,9 Millionen geteilt durch 360 Tage). Selbst alte Hasen können sich nicht erinnern, daß Tagesgeld schon einmal so teuer war.

Teuer wird etwas immer dann, wenn die Nachfrage so hoch ist, daß sie durch das Angebot nicht befriedigt werden kann. Geld muß also knapp geworden sein. Noch in der dritten Juni-Woche waren die Zinssätze auf dem Geldmarkt bis auf zwei Prozent gesunken, später schwankten sie zwischen sieben und 11 1/4 Prozent. Um die Monatswende setzte aber eine bisher unbekannte Versteifung des Geldmarkts ein. Der Satz für Tagesgeld wurde unter Schwankungen auf 25 bis 30 Prozent, am Donnerstag, dem 26. Juli, gelegentlich sogar auf 39 Prozent hinaufgetrieben.

Diese außergewöhnliche Zuspitzung hatte ihre Gründe. Am 26. Juni 1973 hatte der Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank beschlossen, mit Wirkung vom 1. Juli 1973 an den Basisbetrag zur Berechnung des Zuwachses an mindestreservepflichtigen Verbindlichkeiten gegenüber Gebietsfremden um 25 Prozent zu kürzen. Diese Regelung hat die Mindestreserven, die alle Kreditinstitute zinslos bei der Bundesbank unterhalten müssen, erhöht. Außerdem haben die Belastungen durch den kleinen Steuertermin am 10. Juni zur Spannung am Geldmarkt beigetragen: Überweisungen von Bankkonten der Steuerzahler auf Konten des Staates bei der Zentralbank entziehen dem Bankenapparat Liquidität.

Die Wirkung einer Erhöhung der Mindestreserven macht Wilhelm Seuß ("Das Buch vom Geld") an einem einfachen Beispiel deutlich: Ein Vater schenkt seinem Sohn 100 Mark mit der Auflage, einen Teil des Geldes anzulegen, damit er lerne, wie man Zinsen verdienen kann; aber 10 Mark soll er immer als "Mindestreserve" im Portemonnaie haben. Der Sohn wird natürlich 90 Mark anlegen, denn er ist daran interessiert, daß er keine "Überschußreserven" hat.

Nach acht Tagen aber verlangt der Vater, daß der Sohn künftig immer 12 Mark bar zur Verfügung haben soll. Der Sohn wird dem Vater sagen, die zusätzlichen zwei Mark habe er im Augenblick nicht flüssig, der Vater möge sie ihm für eine Woche vorstrecken. Dann könne er in dieser Höhe eine Anlage auflösen, also eine Ausleihung zurückrufen. Der Vater gibt ihm die zwei Mark – natürlich zinslos. Wären Vater und Sohn Bankiers, so müßte der Sohn für die zwei Mark den am Geldmarkt geforderten Zins zahlen. Und wäre der Vater die Notenbank, so müßte der Sohn entweder einen Wechsel verkaufen oder ein Wertpapier beleihen lassen und den Diskontsatz (bei Wechseln) oder den Lombardsatz (bei Wertpapieren) als Zins entrichten, um die 100 Mark gutgeschrieben zu bekommen, Sie wären ein "Notenbankguthaben".