Der Widerspruch, an dem die Europäische Gemeinschaft schon seit längerem krankt, wird immer unübersehbarer. Während der innere Ausbau der EG stagniert, von Rückschlägen bedroht ist, nimmt die Zahl der Herausforderungen von außen zu. Amerika erwartet verbindliche Antworten der Neun, der Comecon drängt auf einen Dialog, und nun steht auch die Dritte Welt vor der Tür Europas.

Die Mammutkonferenz, die in der vergangenen Woche in Brüssel stattfand, hat das europäische Dilemma wieder einmal vor Augen geführt. Der Neunergemeinschaft saßen die Vertreter von 41 Staaten Afrikas, des karibischen und pazifischen Raumes gegenüber. Doch die anscheinend so heterogene Anwaltschaft der Unterprivilegierten einigte sich auf ein Plädoyer, das überzeugender wirkte als das Konzept der Europäer. Die erste Runde im Zwiegespräch zwischen den Kontinenten ging an die Entwicklungsländer.

Es sollte freilich nicht verwundern, daß die Schwachen so stark waren. Gleichgelagerte Sorge um Überleben und Fortschritt zwingen sie zur Einigkeit. Der Emanzipationswille der ehemaligen Kolonialländer ist zusätzlicher Ansporn beim Aushandeln dieser Forderungen mit den Europäern. Der Katalog, den die Interessengemeinschaft der 41 in Brüssel präsentierte, demonstriert das neue Selbstverständnis der unterentwickelten Staaten, zumal der afrikanischen.. Sie wollen Zollvorteile in Europa, ohne sie mit Gegenpräferenzen zu honorieren, und wünschen Finanzhilfe ohne Auflagen. Sie verlangen Preis- und Abnahmegarantien für ihre Produkte und lehnen jede institutionelle Ankettung an die Gemeinschaft ab.

Die Ansprüche, die die Koalition der Armen an den "Klub der Reichen" stellt, sind nicht bescheiden. Sie sind nicht nur ein Test für die ökonomischen Möglichkeiten der Neun, sondern provozieren vor allem auch die Frage nach dem europäischen Rollenverständnis in der Welt.

Die Gemeinschaft hat sich auch vorher Gedanken über ihr Verhältnis zu den Entwicklungsländern gemacht. Schon in den Römischen Verträgen sind Regeln dafür aufgestellt, wie sie in ihrer wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung gefördert werden sollen. Aber diese guten Vorsätze waren geprägt von den Vorstellungen der ehemaligen Kolonialmächte in der Europäischen Gemeinschaft, was sich auch in den Abkommen von Jaunde und Arusha widerspiegelte. Nicht umsonst stellte der EG-Kommissar Rolf Dahrendorf einmal die Frage, inwieweit "die afrikanische Assoziationspolitik... von manchen als Fortsetzung historischer Beziehungen einzelner Mitgliedstaaten mit anderen Mitteln" betrachtet werde.

Auch heute ist der Wunsch, Entwicklungshilfe mit historisch begründeter Einflußnahme zu vermengen, noch nicht ganz verdrängt. Vor allem die Franzosen scheinen in dieser Hinsicht weit geschichtsbewußter zu sein als die Briten. Doch weder die frankophonen noch die anglophonen Länder. wollen noch besondere Abhängigkeiten anerkennen. Sie möchten als gleichwertige Partner Europas akzeptiert sein, denen gleichwohl Vorteile eingeräumt werden.

Die Reaktion der Neun auf diese Haltung ist, das hat sich in Brüssel gezeigt, gespalten. Die Geister scheiden sich an der grundsätzlichen Frage: Soll Europa die Länder der Dritten Welt uneigennützig und ohne Auflagen fördern, oder soll es sich als hilfsbereiter Erzieher verstehen, der sich seinen Paternalismus obendrein durch ökonomische Konzessionen honorieren läßt?