Von Barbara von Jhering

Ungläubig betrachtete die Frau auf dem Bahnhof in Hannover das Streckenschild: "Nach Allenstein? Das ist ja phantastisch." Sie selbst kannte Allenstein nicht, allein der Name weckte verschüttete Vorstellungen.

Gesichter mit dem gleichen Ausdruck habe ich immer wieder gesehen: in Helmstedt, in Berlin (West und Ost), auf dem belebten Bahnhof von Stettin um fünf Uhr morgens, in Gollnow, das jetzt Goleniew heißt, in Kolberg (Kolobrzeg) und Köslin (Koszalin). Seit 28 Jahren stellte dieser Sonderzug des Reiseveranstalters Hummel die erste direkte Verbindung zwischen Köln und Allenstein her.

Aus dem unbekannten Nachbarn Polen ist ein Reiseland geworden. Im Sommer 1971 öffnete es seine Grenzen dem Massentourismus aus Westdeutschland. Vorher gab es nur ein paar Einzelreisende; nun waren, um ein Visum zu bekommen, keine Verwandteneinladungen, keine Schleichwege über hochgestellte Persönlichkeiten mehr nötig. Ein Gang ins Reisebüro genügte, das Weitere besorgte der Veranstalter.

Ohne den Warschauer Vertrag wäre das polnische Entgegenkommen nicht denkbar gewesen: Was nach der Diplomatenoffensive aus dem Westen vom Eisernen Vorhang übriggeblieben war, sollten die Urlauber mit Charme und Kamera beiseite schaffen. Und die Massen kamen: 1971 waren es 22 000, im vergangenen Jahr schon 50 000, in diesem Jahr sind die Erwartungen um ein Vielfaches höher.

Wie es scheint, mit Recht, denn allmählich wagen sich auch die Zögernden und Zweifelnden an die Reise ins Gestern, und immer mehr junge Leute sehnen sich nach den stillen Stränden Pommerns, die sie nur vom Hörensagen kennen. Postkarten aus Polen treffen häufiger ein – Liebesgrüße aus Ostpreußen.

Vor zwei Jahren war ich mit einem Bus voller Studenten zum erstenmal nach Polen gefahren, durch Breslau, Krakau, Warschau, Danzig und Posen. Kaum einer von uns hatte eine Bindung an dieses Land, wir waren aus Neugierde auf das moderne Polen gekommen. Diesmal reiste ich mit einem Zug voller "Heimkehrer-Touristen", von 450 Fahrgästen stammten rund 70 Prozent aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Während der Zugfahrt dachten sie nicht viel an Schlaf; viele hatten in kaum verborgener Erregung die ganze Nacht auf dem Gang zugebracht.