Von Hans Krieger

Aufgehoben im dreifachen Hegeischen Sinne, "vom Kopf auf die Füße gestellt", wird eine künftige Psychoanalyse eine neue Aufgabe haben – "die Gesellschaft selber als Krankheit zu behandeln". Als Therapie der Wahl empfiehlt sich: politische Subversion.

So lautet in vergröbernder Kurzfassung das Fazit des bisher ehrgeizigsten Versuchs, eine Psychopathologie des Kapitalismus zu schreiben –

Michael Schneider: "Neurose und Klassenkampf" – Materialistische Kritik und Versuch einer emanzipativen Neubegründung der Psychoanalyse; das neue buch 26, Rowohlt Verlag, Reinbek; 358 S., 10,– DM.

Vergröberungen sind unvermeidlich, aber sie tun einem Autor unrecht. Schneider hat seine Indizienkette mit Fleiß und Gründlichkeit geschmiedet. Aber er hat sich auch ungeheuer viel vorgenommen, und er geht aufs Ganze. Fragen braucht er kaum zu stellen; er weiß Bescheid. Und von der Vorsicht des Wissenschaftlers, zunächst einmal als Hypothese zu formulieren, was zu beweisen vielleicht doch mehr als 350 Seiten essayistischer Prosa erfordert, hält er nicht viel. Auch darin hat sich ein Stück psychoanalytischer Tradition (nicht der genuin Freudschen, versteht sich) über ihre marxistische Umdeutung hinweggerettet.

Die erste Hälfte (zwei Teile) ist methodische Vorbereitung. Schneider hat den Prozeß Marx kontra Freud (der in den berühmten Kontroversen der zwanziger Jahre eher ein Prozeß Stalin kontra Freud war und es auch in manchem neulinken Nachgeplänkel noch ist) neu aufgerollt. Die Doppelrolle des Staatsanwalts und Verteidigers steht er dabei brillant durch. Mit rhetorischem Aplomb durchkämmt er das ideologische Vorstrafenregister seines bürgerlichen Angeklagten Freud, mit perfekten Alibis schirmt er seinen revolutionären Mandanten Freud gegen vulgärmarxistische Nebenkläger ab, mit subtilem Scharfsinn zerpflückt er die vorinstanzlichen Urteile samt ahnungslos mitgelieferten Revisionsgründen. Am Ende ist der Freispruch wegen erwiesener Schuld so gut wie sicher. Die Richter bekommen mildernde Umstände.

In scharfer Abgrenzung gegen die klassischen Freudomarxisten, aber auch gegen die Frankfurter Schule hält Schneider nichts von theoretischer Vermittlung zwischen Marxismus und Psychoanalyse. Sie könne nur Anbiederung sein, da die psychoanalytischen Kategorien klassenbedingt sind. Aber als "Wissenschaft von der Pseudonatur des bürgerlichen Menschen und als Schlüssel zum Unbewußten als dem Niederschlag des gesellschaftlich Verpönten und somit einem Reservoir des Widerstandes gegen die Rationalität des Kapitals sei Freuds psychologistische Krankheitslehre einzubringen in eine materialistische Krankheitstheorie, die die Triebstruktur des Menschen in ihrer Abhängigkeit von den politökonomischen Strukturen der Gesellschaft begreift.