ARD, Mittwoch, 25. Juli:

"Die geschiedene Frau", von Paul Mautner

Sie bekommen kein Nadelgeld, liebe gnädige Frau? Du, Primaner, suchst einen Job? Ihre Rente, mein Freund, ist zu knapp? Sie sind nicht ausgelastet, Herr Oberinspektor? Keine Sorge, man wird Ihnen helfen. Und wenn Sie noch so träge, nervös, gedächtnisschwach urd einfallslos sind, schlichten Geistes, ein Bildzeitungsleser wie Millionen andere auch: Es gibt einen Ausweg für Sie; Sie sind nicht verloren. Drehen Sie einen Fernseh-Film! Wie? Das könnten Sie nicht? Aber natürlich können Sie es: Nichts leichter als das! Das Rezept ist hundertfältig erprobt, die Methode bewährt, der Erfolg garantiert. Drehen Sie einen Film über die Angestellten! Über die Prostituierten! Die Fließbandarbeiter, die pubertierenden Mädchen, die Fürsorgezöglinge, die Piloten, die hirngeschädigten Kinder, die Kabelträger, die Witwer, die Wehrdienstverweigerer, die geschiedenen Frauen!

Was? Davon verstünden Sie nichts? Aber Freunde! Sie brauchen ja von all dem überhaupt nichts zu verstehen – nichts von Zuhältern, Hirnschäden, Mitbestimmungsmodellen und Ehegesetzen! Sie haben nichts weiter zu tun, als fünf (oder vier oder sechs) Witwer (oder Fließbandarbeiter oder uneheliche Mütter: die Möglichkeiten sind unbegrenzt) vor die Kameras zu stellen, sie zum Thema reden zu lassen (ich, als Pilos; wir Wehrdienstverweigerer; in meinem speziellen Angestelltenverhältnis), ihre Bekenntnisse sodann zu zerschnipseln und die Schnipsel nach dem Gesetz von Parallelismus und Antithese zu ordnen. (Das hört sich schwierig an, ist aber in Grunde ganz einfach: Wenn Arbeiter A. den Satz sagt Ich bin mit meinem Beruf sehr zufrieden und, unmittelbar darauf, Arbeiter B. die Worte Alles Scheiße hier formuliert, dann haben Sie das Gesetz schon erfüllt!)

Wirklich, Sie werden erstaunt sein, wie schnell Sie die Technik erlernen – glauben Sie mir, Photographieren ist schwerer! Und was die paar Tricks und optischen Kniffe angeht... die bringt Ihnen der Inspizient in der Drehpause bei! Nehmen Sie zum Beispiel einmal an, Sie wollten einen Film über das Los der geschiedenen Frau produzieren: Was wird der Inspizient Ihnen raten? Überlegen Sie selbst! Variatio delectat: Ganz recht, das ist das oberste Gebot! Alte Frau, junge Frau, reiche Frau, arme Frau, Stadtfrau und Landfrau, Rentnerin und Titelphoto: Der Film ist schon beinahe fertig!

Jetzt brauchen wir nur noch ein paar Expertisen, das nimmt für uns ein und wirkt seriös, drei Damen aus dem Bundestag vielleicht, die sich über Probleme der Scheidung ergehen, aus verschiedener Parteisicht natürlich, und dann Atmosphäre! Atmosphäre, reproduziert unter dem Diktat des großen Gesetzes: Betonsilos kontra Luxushotels, hier der Tanz in der Hofburg, dort der bürgerliche Faschingsverein (Fasching ist immer gut, da wissen die Besitzer von Farbfernsehgeräten, wozu sie ihr Geld ausgegeben haben), hier Golfplatz und dort Reinigungsgeschäft, hier Sportwagen, dort Straßenbahn (immer fahren lassen, die Leute, das putzt und gibt Kolorit, da genügt, in der S-Bahn gelesen, ein Buch, um dem Betrachter am Bildschirm zu zeigen: Wer Anna Seghers liest, hat einmal bessere Tage gesehen). Und dann Musik! Andy Williams, das gibt die richtige Stimmung! Und zum Thema paßt er auch: Sie brauchen lediglich zu sagen, er sei der Lieblingssänger einer der geschiedenen Damen gewesen ... schon ist er dabei!

Und was die kritische Analyse angeht, den Aufweis historischer und gesellschaftlicher Bezüge, der eine Problematisierung der Fragestellung ermöglicht... so ist Theorie nicht gefragt in unseren Fünf-Personen-Berichten. Wir bringen schließlich Unterhaltung und keinen Schulfunk! Wer etwas wissen will von den Menschenrechten, die identisch mit den Männerrechten sind, der möge gefälligst Gesetze studieren, vom Allgemeinen Landrecht für Preußen bis zur Revision des BGB, da steht alles drin, oder sich in Fontane und Bebel vertiefen. Wir wollen nur unterhalten; nicht denken, nicht fragen, nicht lehren und nicht verändern. Nur unterhalten. (Und trotzdem hält man uns für Gesellschaftskritiker und bescheinigt uns, wir faßten heiße Eisen an. Das ist das Schöne an unserem Geschäft.)