Klassik aus Europa und Kleinasien trifft sich am Bosporus

Von Heinz Josef Herbort

Kaiser und Sultane wußten, was gut ist. Als Mehmet II., den sie auch Fatih („der Eroberer“) nannten, sich 1475 bis 1478 seinen Palast bauen ließ, suchte er sich dafür die schönste – und wohl auch strategisch günstigste – Stelle Instanbuls aus, die Spitze der Halbinsel zwischen Marmara-Meer und Goldenem Horn, gegenüber dem Eingang zum Bosporus. Mehmet war nicht der erste, der hier baute: Schon die Kaiser Ostroms hatten hier ihre Paläste.

Im dritten Hof des heute Topkapi Sarayi genannten Palastes, hinter einer Halle mit sieben Säulen aus grünem Marmor, in den Räumen, in denen ursprünglich des Sultans Leibärzte, -masseure und -barbiere wohnten, zeigt man heute die kostbarsten Stücke des Sultansschatzes, Diamanten, Waffen, Staatsgewänder, Kalligraphien, Teppiche. Unter den Kleidungsstücken findet sich auch eines, dessen oberster Halsteil fehlt und das dort an den Schnittstellen kräftige Flecken aufweist: In diesem Kaftan wurde am 20. Mai 1622 Osman II. von seiner Leibwache, den Janitscharen, ermordet. Und ein paar Schritte weiter läßt sich an seinem Mantel ablesen, wie Murat V. zu Tode kam. Schließlich erinnert sich der Besucher an einen Brunnen draußen am Eingang, worin der Henker jeweils nach vollzogener Exekution sein Beil oder Schwert abwusch. Von hier aus gewinnt eine Figur in Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“, der Ismin („... und die Hälse schnüren zu, schnüren zu ...“), etliches an realistischer Kontur.

Menuhin weiß, was gut ist

Schräg gegenüber der Halle der Harem: ein Labyrinth von Gängen, Höfen, fensterlosen Verliesen, Treppen, Bädern, Galerien, Prunkräumen. Bis zu 300 Konkubinen – und der Führer weiß genau, welche Reaktion er hervorruft, wenn er diese Zahl nennt, „it depends on the power of the Sultan“ – sollen hier gelebt haben. Und man kann sich ein bißchen von dem ausmalen, was an Ranküne und Cliquenwirtschaft, an Heuchelei, Intrige, ja Meuchelmord, sicherlich auch an Verführungskunst und amourösem Raffinement das Leben und Nicht-Leben in diesem hermetisch abgeschlossenen Gebäudekomplex bestimmte. Und dann kann man es allenfalls noch für grenzenlose Turcophilie halten, wenn in Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“ der Bassa Selim unter dem Vorwand, die Menschenfreundlichkeit des wahren Muselmanen unter Beweis zu stellen, den Sohn seines Erzfeindes und Nebenbuhlers um die Gunst einer schönen Weißen nachdem Willen von Komponist und Librettist einfach so davonziehen lassen muß.

Topkapi-Serail, Janitscharen und Mozarts „Entführung“ trafen kürzlich unmittelbar aufeinander, als nämlich zu den kaum mehr zu übersehenden Theater- und Musikfestivals in diesem Jahr ein weiteres hinzukam – „Istanbul Festivali“. Denn:

Nicht nur Kaiser und Sultane, sondern auch Geiger wissen, was gut ist (und für wen). Yehudi Menuhin war es, der den Istanbuler Kulturbeflissenen wie den am Tourismus Interessierten vor fünf Jahren klarmachte: Ihr müßt hier unbedingt etwas machen, ihr habt all die wunderbaren Räume und Plätze dafür. Als der in Festspielen nicht unerfahrene Österreicher Paumgartner ihnen ebenfalls zuredete, konnten die Istanbuler natürlich nicht länger widerstehen.

Es traf sich, daß ein Dr. Nejat Eczacibasi, ein Istanbuler Chemiker, Besitzer einer Keramik- und Arzneimittelfabrik, Verbandsfunktionär für verschiedene kulturelle Vereinigungen und Veranstalter, eine Stiftung errichten wollte mit dem Ziel, ein Festival oder einen Wettbewerb durchzuführen. Als zu seinem Geld noch einiges von Banken, großen Firmen und betuchten Leuten kam, als somit die ersten Millionen Türklira da waren, flossen auch Subventionen vom Außenministerium und dem Minister für Fremdenverkehr – ein Zehn-Millionen-Etat (zwei Millionen Mark) konnte finanziert werden.

Nun hat Istanbul in der Tat „all die wunderbaren Plätze und Räume“: das Topkapi-Serail und die naheliegende Irenen-Kirche, eine vorkonstantinische Gründung, die heute als Museum dient und eine ausgezeichnete Akustik besitzt; das Dolmabahçe- (1842–1856) und das Ibrahim-Pascha-Serail (nach 1520); die Festung Rumelihisar, die der junge Mehmet II. vor der Eroberung von Byzanz errichten ließ, um von hier aus den gesamten Schiffsverkehr auf dem Bosporus zu kontrollieren; ein Freilichttheater mit 4000 Plätzen, von dem aus der Zuschauer einen herrlichen Blick auf den Hafen genießt. Daneben ein Stadttheater, einen für Konzerte verwendbaren Kongreßsaal und „Darüssafaka Konser Salonu“, den Theater- und Konzertsaal eines Waisenlyzeums. Ein hinreißendes Ambiente könnte schließlich, für größere Zuhörermengen, die seit 1935 nur als Museum dienende Hagia Sofia werden.

Und es stehen leistungskräftige eigene Ensembles zur Verfügung. Zweifellos ist im Zusammenhang mit der Europäisierung der modernen Türkei das eigenständig Türkische, das zwischen Balkan und Vorderem Orient pendelt, immer stärker in den Hintergrund getreten. Zwar besitzt das Istanbuler Konservatorium ein Orchester und einen Chor, die alte türkische Folklore mustergültig pflegen und aufführen, und die Schallplattensammlung des Instituts ist berühmt; zwar dringen auch in den Arbeiten türkischer Komponisten unserer Tage immer wieder melodische und rhythmische Muster durch, die aus der türkischen Folklore stammen dürften; zwar gab es in diesem ersten Festivalprogramm auch eine Uraufführung einer türkischen Oper auf einen alten Sagenstoff („Köroglu“ von dem sechsundsechzigjährigen Adnan Saygun). Aber im übrigen dominiert das europäische Element.

Schon um 1830 holte sich Sultan Mahmut für seine Palastkapelle Musiker aus den westeuropäischen Metropolen, und seine Nachfolger setzten die Tradition fort. Als die neue Republik ausgerufen wurde, wandelte sich die „Kaiserliche Kapelle“ in ein „Symphonieorchester des Staatspräsidenten“, sie wurde mit der Regierung nach Ankara verlegt. 1935 gründete der in die Türkei emigrierte Paul Hindemith eine Musikhochschule in Ankara und besorgte einen modernen Orchesterchef für die Symphoniker; seit 1963 ist Gotthold Ephraim Lessing der Leiter dieses inzwischen statutenmäßig rein türkischen Orchesters.

Geschenk zum 50. Geburtstag

Als die Symphoniker von Istanbul nach Ankara überwechselten, entstand bald schon aus Kräften des Konservatoriums ein neues, zunächst Städtisches, seit 1972 Staatliches Symphonieorchester, das Konzerte und Oper bedient und in dem der hohe Anteil von weiblichen Musikern (darunter eine erste Konzertmeisterin) auffällt. Unter Lessings Leitung spielte das Orchester beispielsweise eine sehr energiegeladene, impulsive, auch weitgehend klangschöne erste Symphonie von Brahms. Neben diesem Ensemble existiert in Istanbul noch ein weiteres, das Symphonieorchester des Türkischen Rundfunks und Fernsehens.

In diesem Jahr also erstmalig „Istanbul Festivali“, ein kleines Geschenk auch zum fünfzigjährigen Bestehen der Republik – 25 Tage mit 86 Veranstaltungen. Dem Istanbuler Publikum solle „gezeigt werden, was draußen in Repertoire und Qualität zum Standard geworden ist“, sagte ein Sprecher des Festival-Komitees, und „den ausländischen Gästen etwas von dem, worauf wir hier ein bißchen stolz sind“.

Und so gastieren die Philharmoniker aus Belgrad, Warschau und Budapest, die Zagreber Solisten, der Bukarester Madrigalchor, das Avramov-Quartett und ein Ensemble Musica Antiqua, die Solisten des „Teatro Regio di Parma“, ein London Festival Ballet und das Bolschoi-Ballett, André Navarra und Paul Badura-Skoda, Jean-Pierre Rampal, Denes Kovacs und, natürlich, Yehudi Menuhin. Und er, der die Istanbuler auf die Festival-Idee brachte und den sie daher mit aller Emphase feiern, er zeigt ihnen im Beethoven-Konzert und – mit zwei anderen Geigerinnen – in einem Vivaldi-Konzert, was Präzision und Dynamik, was auch ein schöner Ton und kantabler Schmelz ist, zeigt Souveränität und Intensität, zeigt vor allem mitteleuropäische Perfektion in Form und Inhalt, die seinen türkischen Kollegen noch – oder sollen wir sagen Allah sei Dank? – nicht so geläufig ist.

So besucht man „all die wunderbaren Plätze und Räume“, fährt auch ins Goldene Horn hinauf und zu den Prinzeninseln, zum asiatischen Ufer, um der Welt größten Muslimfriedhof zu sehen, und richtet sich aufs Genießen ein, auf den Genuß am Exotischen, das für den ständig darin Lebenden oft genug nichts als Armut und Elend ist.

So sitzt man denn an einem Abend im Gülhane Park und beobachtet den Mehterhane, eine Janitscharen-Kapelle, die nach alter Väter Sitte auftritt mit Standarten und in farbigen Kaftans, mit Pauken, Becken, Trommeln, Schellenbaum und näselnden Naturtrompeten, die gelegentlich an schottische Dudelsack-Orchester erinnern – und versteht, warum Mozart sich von diesem fremdartigen und doch so attraktiven Klang, von dem opernhaften Pomp dieser Ensembles hat faszinieren und anregen lassen.

So besichtigt man das Topkapi-Serail, ein fast noch lebendiges Museum einer im Grunde doch so gänzlich anderen Welt und Weltsicht – und wenn dann am Abend auf einem mit viel Geschmack gebauten Podium vor dem „Tor der Glückseligkeit“ des Topkapi-Serails Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“ gezeigt wird, die so wenig mit dem zu tun hat, was ein paar Meter weiter in jedem Raum des Palastes zu sehen und zu erkennen ist, versteht man ein wenig mehr von dem Charakter jenes Genres „Oper“, versteht, daß sie alles andere als eine „musikalische Reportage“ sein, nicht von der Recherche leben will, sondern ein schönes Bild von einer noch besseren – oder für besser gehaltenen – Welt sein möchte, ein Minimalappell zu einem klein bißchen moralischen Wohlverhalten in einer Beinahe-Realität, in der dem Nicht-Edlen, dem Nur-Menschen, der nicht verzeihen kann, etwas ganz Schlimmes droht: „...den seh’ man mit Verachtung an.“