Ein Diener will seinem Herrn einen Brief überreichen, kramt in den Taschen, findet das Papier nicht, fördert nur allerlei Schnupftücher und Geldbörsen zutage: ein kleines, ulkiges Mißgeschick, ein betagter Spaß, eine Komödien-Dutzendszene.

Rudolf Noelte erzählt in seiner Salzburger Moltere-Inszenierung die Szene so, daß niemand mehr daran Spaß haben kann – ein Regisseur, der entdeckt hat, daß Komödien aus Katastrophen (Miniatur- und Monumentalkatastrophen) bestehen, und der sich starrsinnig weigert, Katastrophen komisch zu finden. Mit wachsender Panik fahndet der Diener Dubois (Georg Lehn) nach dem verlorenen Papier, hockt sich auf den Boden, wühlt angstvoll in den Koffern und sucht selbst dann noch verzweifelt und fanatisch weiter, als Alceste, sein Herr, der Szene müde, längst weggegangen ist.

Noelte erzählt, wenn er Molière erzählt: von Leuten, die monomanisch und weltblind ihre Katastrophen zu Ende leben, die in ihre Niederlagen vernarrt sind.

Oronte (Henning Schlüter), ein Jammerdichter, trägt sein jämmerliches Sonett vor, gierig nach Lob – eine bewährte schadenfrohe Szene. Noelte inszeniert sie so, daß einem die Schadenfreude im Halse steckenbleibt: Oronte ist hier nicht der übliche äffische Jüngling, der parfümierte Poet, sondern ein schwammiger, apoplektischer Mann, ein hilfsbedürftiger Koloß, verschwimmend in Selbstmitleid. Seine Dichterlesung (die er mit weicher, fast flennender Stimme absolviert) wirkt wie ein kläglicher Hilferuf; und wenn ihn dann Alceste unwirsch abserviert, ist das für Oronte nicht bloß grausame Literaturkritik, sondern eine regelrechte Exekution, sein endgültiger K. o.

Auch während dieser Szene war Alceste weggegangen, hinaus in den Garten, und auch hier hatte das Opfer nichts gemerkt, hatte unbeirrbar an seiner Katastrophe weitergearbeitet. Flucht und Exekution: das sind zwei Hauptmotive in dieser ungeheuerlichen Komödieninszenierung. Wenn sich die Leute nicht martern, dann laufen sie voreinander davon – so läßt Céliméne (Sylvia Manas) den Alceste, den hartnäckigsten ihrer Liebhaber, gleich in der ersten "Liebesszene" stehen, geht ab ins Nebenzimmer, von wo man sie dann leise und demonstrativ singen hört, während Alceste seinen Liebesschmerz ins Leere sprechen muß. Und als sie zurückkommt ins Zimmer, sieht Alceste einen ganzen Dialog lang nur ihren .Rücken: Kühl plaudert das Mädchen über Liebe, steckt dabei Blumen in eine Vase und kürzt ihnen vorher mit den Händen die Stiele – so gewalttätig fast, als bräche sie Knochen.

Mit zärtlichem Fanatismus beschreibt Noelte das immer gleiche: Niederlagen. Cletandre und Acaste (Lambert Hamel und Kurt Zips) sehen aus wie ein konventionelles Komikergespann, beinahe wie Karikaturen. Ein Fleischberg der eine, ein zierlicher Zwerg der andere. Doch in Noeltes Kosmos sind sogar die Karikaturen krank, selbst den Gecken gönnt er Melancholie.

Da gibt es eine wunderbar schmerzliche Szene: Der kleine Zips spielt schüchtern auf einem Spinett, und Hamel, der Koloß, tanzt zu dieser vorsichtigen Musik auf schweren Beinen einen trägen Pfauentanz. Dann aber setzt er sich schwer atmend nieder, und während sein Mund noch von Siegen redet (von seiner Schönheit, seinem Geld, seinen Abenteuern), ist sein Körper, zerlaufend, schon ein Bild der Niederlage.