Solange der Strukturwandel fehlt, bleibt die Bildungskatastrophe unbewältigt

Von Wolf-Dieter Narr

Vor Jahren hat Fritz Heerwagen einen Artikel mit der etwas marktschreierischen Überschrift publiziert: "Wissenschaftsrat gib uns unsere Millionen wieder!" Dieser Ausruf bezog sich auf:

  • Reformvorschläge, die immer nur ein Element des Universitätsbetriebes aufgriffen und, indem sie den Kontext vergaßen, widersprüchlich wirkten;
  • Reformvorschläge, die nicht nur isoliert vorgetragen wurden, sondern denen auch eine zureichende Konzeption mangelte, also eine Vorstellung dessen, was mit der Universität werden solle;
  • Reformvorschläge, die versäumten, eine zureichende Analyse der Fehlerquellen vorab zu entwickeln, so daß auch die bestgemeinten Vorstellungen nicht mehr waren als ein Mit-der-Stange-im-Nebel-Herumfuchteln;
  • Reformvorschläge, deren Datenbasis erschreckend mager war. Man schlug vor, ohne die betroffenen Institutionen in Quantität und Qualität zu kennen; man hatte Vermutungen.

Die Kritik, die hier zusammengefaßt wurde, erschien 1968 während der Hochtage der Studentenbewegung und mitten in der ersten Welle der Hochschulgesetze. Sie bildet noch immer, ja sogar in verstärktem Maße Ausgangspunkt einer methodischen Analyse der gegenwärtigen bildungspolitischen "Wetterlage".

Es geht allerdings nicht darum, eine spezifische Beratungsinstitution wie den Wissenschaftsrat zu kritisieren. Dieser hat verschiedene, wenn auch unzureichende Anstrengungen unternommen, im Hinblick auf eine systematische Analyse und Begründung seiner Vorschläge. Vielmehr soll die der Bildungspolitik zugrundeliegende Methodik und das Vorgehen der politischen Instanzen unter die Lupe genommen werden. Nicht von diesem oder jenem Bildungsinhalt wird die Rede sein, sondern von der Art, Bildungspolitik und Bildungsreformen in Gang zu setzen und sie institutionell zu verankern.

Asthmatische Reformen