Als Schüler hat man wenig Ahnung von der Welt der arbeitenden Bevölkerung. Abgekapselt in der Schule, entwickelt sich ein Selbstbewußtsein, das sich in der Überheblichkeit des Studierenden bis zum Standesdünkel des erfolgreichen "white collar man" fortsetzt: Man hat es geschafft.

Man hat es geschafft, weil man zu einer privilegierten Sorte Mensch gehört. Die Spreu ist schon früh vom vermeintlichen Weizen geschieden: Mangelndes Lebensglück hat den Großteil der früheren Grundschul-Kameraden in einen Acht-Stunden-Alltag verwiesen, der einem cleveren Gymnasiasten nur ein Naserümpfen abnötigen kann. Man rechnet sich fortan einer besseren Klasse zu, meidet Diskotheken, die von Lehrlingen besucht werden, hat seine speziellen Treffpunkte und für seine ehemaligen Kameraden nur noch ein Kopfnicken übrig. Man hat seine Grenzen gezogen.

Wenn Jahr für Jahr etwa 300 000 Schüler und Studenten in die Betriebe gehen, um zu arbeiten, so tun sie das nicht aus Interesse am Schicksal der arbeitenden Bevölkerung. Sie wollen einfach Geld verdienen.

Die Klassenunterschiede machen sich dann oft bemerkbar: Ein Schüler sieht die Welt eines Arbeiters mit anderen Augen und verhält sich auch anders. Er läßt sich nicht kritiklos ausbeuten, verhält sich gegenüber seinen "normalen" Arbeitskollegen oft aufreizend borniert und besserwissend und sorgt dafür, daß es zu Kollisionen beider Seiten kommt. Die Arbeiter sehen es nämlich auch nicht gern, wenn ein junger, ausgeruhter Kerl für einige Wochen in den Betrieb hereinplatzt, sein Mehrwissen bei jeder Gelegenheit anbringt ("es heißt nicht. ‚Jumbo-Jet‘, es heißt ‚Dschambo Dschet‘!), denselben Lohn einsteckt wie ein Arbeiter, der Familie hat, und dann noch herausfordernd protzt, mit dem verdienten Geld werde er sich drei Wochen Urlaub in Südfransreich genehmigen.

Solches Verhalten schafft auf der Arbeiterseite Neidkomplexe, die nur zu leicht zu verstehen sind. Warum geht es ihm nicht besser, warum hat er nur 22 Tage Urlaub im Jahr, warum kann er nicht auch an die Côte d’Azur? Man muß sich nicht wundern, wenn das Vorurteile schafft, wenn Langhaarige für Faulenzer gehalten werden, wenn man an der Jugend kein gutes Haar läßt. Aber nicht immer ist es ihre Schuld, wenn es zu Konflikten kommt. Nachdem ich selbst eine beinahe handgreifliche Auseinandersetzung mit einem älteren Kollegen hatte, schaltete sich eine Arbeiterin ein: "Ich glaube, für einen Studenten ist es leichter, einen Arbeiter zu akzeptieren, als daß ein Arbeiter einen Studenten versteht. Der Neid ist wahrscheinlich zu groß."

Da ist schon etwas dran.

Johannes Halder, 20 Jahre