Berlin, im August

Im Hörsaal 2093 der Humboldt-Universität war der Übersetzer dem Redeschwall des algerischen Sprechers nicht mehr gewachsen. Er sah sich hilflos um und flüchtete sich schließlich in ein paar holperige Sätze, die aus den Wörtern Solidarität, Kampf, Tod und Sieg bestanden. Doch die Zuhörer hatten bereits kapiert. Denn egal, was gedolmetscht wurde, erging um die Imperialisten und ihre baldige Niederlage.

Die Aussprache im Hörsaal 2093 war eine der ersten Veranstaltungen von unzähligen Seminaren, Treffen und Kolloquien, die das X. Weltfestival der Jugend zu mehr als nur einem Monstertanzfest machen sollte. Hier sollte ein politischer Akzent gesetzt werden: Solidarisierung mit den Befreiungskämpfen in Afrika, Lateinamerika und Asien, Verurteilung von Kolonialismus, Neokolonialismus, Rassismus, Zionismus und Apartheid.

Doch bevor die Afrikaner mit Geld und guten Wünschen wieder an die Front nach Angola oder Moçambique entlassen werden, gilt es, Siege zu feiern. Wie einst unsere Großväter der Schlacht bei Sedan gedachten, so gedenkt die DDR des Sieges in Vietnam, den sie sich selbstbewußt mit an ihre Fahnen heftet. Ihre sozialistischen Gebete haben den Vietnamesen den Rücken gestärkt, und so wird denn der ostdeutsche Duden ein neues Synonym für den Begriff "Sieg" einfügen müssen: "Sieg" gleich "Vietnam". Die Vietnamesen, wo immer sie sich blicken lassen, werden geküßt, umarmt, in die Luft geworfen und gefeiert.

Im übrigen würde die ganze DDR wegen eines anderen Sieges am liebsten selbst vor Freude in die Luft springen – wegen der magischen Zahl 88. "88 – das ist mehr als ein zahlenmäßiger Fakt", erklärte der FDJ-Sprecher im Hörsaal 2093. Und alle wußten auch hier ohne Dolmetscher, was gemeint war: 88 Staaten haben die DDR anerkannt. Während im alten Diplomatenviertel des Berliner Tiergartens Gras über den Botschaftstrümmern wächst, rollen in Ostberlin die ersten Möbelwagen von Diplomaten ein, und hochgestellte SED-Funktionäre nehmen Nachhilfestunden in Englisch und Französisch. Der Hauch der eleganten Welt hat Pankow erreicht.

Parteichef Honecker konnte bar aller Sorgen einen Tag, nachdem er die Weltjugendfestspiele im ehemaligen Walter-Ulbricht-Stadion eröffnet hatte, zu seinen Kollegen auf die Krim reisen. Seine Regisseure hatten die aufwendige Festivalinszenierung fest in der Hand. Sie ließen die jungen Leute von morgens bis abends Fahnen schwenken, Lieder singen, die Faust zum sozialistischen Gruß ballen, Resolutionen unterschreiben, marschieren und Händchen halten.

In dieser gut trainierten Menge war es schwer, gegen den Strom zu schwimmen. Rollmanns Gefolge versuchte es. Der schon leicht angejahrte jugend- und kaderpolitische Sprecher der Bonner CDU-Fraktion ließ seine Freunde von der Jungen Union, die sich erst nach langem Hin und Her in letzter Minute entschlossen hatten, an den Berliner Spielen teilzunehmen, auf dem Alexanderplatz Flugblätter verteilen. Von der harmlosen Selbstdarstellung der bundesdeutschen Jung-Opposition "für Gespräche gegen Grenzen" blieb allerdings nicht viel übrig. Die Blauhemden duldeten keine Nestbeschmutzung; die meisten zerrissen die Flugblätter, ohne auch nur einen Blick auf den Text geworfen zu haben.