Von Dieter Strametz

In vielen Personalabteilungen wurden bis vor kurzem Personalakten wie geheime Staatspapiere gehütet und in Panzerschränken sicher verwahrt. Der Personalchef hatte folgerichtig oft das Image eines "Geheimnisträgers", eines Aktenverwalters besonderer Art. Manch einer vom "Clan der Personalen" pflegte diesen Eindruck mit Bedacht, konnte man doch die unbefriedigende hierarchische Stellung – und allzuoft auch den Mangel an fachlicher und persönlicher Kompetenz – damit kompensieren.

Doch solche Taktik gehört endgültig der Vergangenheit an. Denn das Betriebsverfassungsgesetz, aus dem Jahre 1972 billigt im Paragraphen 83 dem Arbeitnehmer erstmalig das Recht zu, Einblick in die Personalakten zu nehmen, die der Arbeitgeber über ihn führt. Er kann sogar ein Betriebsratsmitglied dazubitten. Und wenn der Angestellte oder Arbeiter es will, muß die Beurteilung durch den Vorgesetzten durch seine eigenen Erläuterungen ergänzt werden.

Nicht zuletzt unter dem Druck des Gesetzgebers hat sich die Personalpolitik moderner Unternehmen in den letzten Jahren radikal geändert. Damit ändert sich auch das Bild des geändert. Damit der nicht mehr verwaltender Geheimniskrämer und graue Eminenz, sondern gestaltender Manager sein will, und der weiß, daß die Leistungsmotivation der Mitarbeiter wesentlich vom Führungsstil abhängt. Von der Offenheit in der Personalpolitik hängt damit weit mehr ab als der die Gewißheit für den Mitarbeiter, daß sein Boß große Stücke von ihm hält – oder auch nicht.

Kaum zu bestreiten ist die Nützlichkeit gut. geführter Personalakten als Instrument der Mitarbeiterführung und -förderung. Bis vor einigen Jahren waren schriftliche Leistungsbeurteilungen noch gar nicht bekannt oder sie existierten nur in Form sporadischer, meist negativer Notizen, die in der Personalakte verschwanden.

Heute werden solche Beurteilungen systematisch erstellt und regelmäßig mit dem Mitarbeiter besprochen. Mit dem guten Beispiel gingen große internationale Unternehmen voran; inzwischen haben diese Beispiele Schule gemacht. "Verweise" à la Klassenbuch sind sogar in patriarchalisch geführten Firmen inzwischen weitgehend passé.

Trotzdem schuf der Paragraph 83 schon vor dem Inkrafttreten des Betriebsverfassungsgesetzes erhebliche Unruhe in Geschäfts- und Personalleitungen. Die Experten hatten Hochsaison: In langen Sitzungen beschäftigten sich Kommissionen mit vorbeugenden Maßnahmen und schätzten mögliche Folgen des neuen Rechts ab. Da es verbindliche Auslegungen (zum Beispiel durch Arbeitsgerichtsurteile) nicht gab und bis heute nicht gibt, blieben jedoch etliche Fragen offen.