Von Werner Ross

Die Flut der Bücher über Südamerika – man darf ruhig von Schwemme sprechen – nimmt nicht ab. Für den nächsten Herbst finde ich gleich drei Bücher angekündigt, über die Lateinamerikaner, über das zornige Lateinamerika, über "Lateinamerika – ein Kontinent wird geschmiedet". Was erscheint, ist in der Regel politisch, polemisch, parteiergreifend für den Freiheitskampf der Dritten Welt. Die Untersuchungen leiden jedoch, wie viele andere zuvor, nur daran, daß es genau genommen Lateinamerika nicht gibt, es sei denn als geographischen Umriß, als vage zu beschreibende Kulturlandschaft, als politische Abstraktion für kaum zu lösende Entwicklungsprobleme.

Mit dem Wort "Kontinent" wird großzügigpathetisch umgegangen, aus der Distanz fließt halt mancherlei zusammen, verwischt sich das Besondere – aber was sich zur Zeit überall in Südamerika abspielt, ist gerade die Herausarbeitung dieses Besonderen, der nationalen Züge, der nationalistischen Bewegungen. Wer gerade durch Argentinien reist, kann es von allen Häuserwänden ablesen: Sozialismus ja, aber socialismo national. Die Brasilianer fühlen sich durchaus als Fußballmannschaft, die den Südamerika-Cup erbeuten will. Noch weniger als Europa schickt sich der Kontinent Südamerika an, zusammengeschmiedet zu werden.

Es bedarf also der Einzelanalysen, wie sie die folgende Monographie liefert:

Hubert Krier: "Tapferes Paraguay"; Marienburg-Verlag, Würzburg 1973; 127 S., 28,50 DM.

Krier war bis 1970 Botschafter der Bundesrepublik in Paraguay. Er kennt die Probleme, stellt mit Sachkenntnis Geschichte und Wirtschaft, Bevölkerungs- und Bildungsfragen, Verhältnis von Staat und Kirche, Beziehungen zum übrigen Lateinamerika und die Problematik der Einwanderungs- und Entwicklungspolitik dar. Die Darstellung liest sich angenehm, ist genau in den Angaben, manchmal durch persönliche Eindrücke und Erfahrungen gewürzt.

Bedenken melden sich erst beim Porträt des Landesvaters, des Militärdiktators Stroessner, der Paraguay nun schon fast zwanzig Jahre lang wie ein aufgeklärt absolutistischer Herrscher des 18. Jahrhunderts regiert, streng und gerecht, von früh bis spät, ohne Urlaub von seinen anstrengenden Geschäften und ohne Widerspruch. Krier ist geneigt, dem blonden Bayernstämmling (der gerade ohne Aufsehen und ohne kritische Pressekommentare sein Heimatland besucht hat) beizustimmen, weil er die kleine Republik sparsam verwaltet, Schulden bezahlt, Schulen baut, Fernstraßen anlegt und gerade mit Brasilien zusammen das größte Wasserkraftwerk der Welt in Angriff nimmt. Nicht einmal brutale Polizeimethoden gibt es in Paraguay, denn die wenigen Kommunisten, die es im Lande gab, sind tot oder vertrieben.