DIE ZEIT

Ohne Trümpfe

Ein halbes Jahr nach der Unterzeichnung des Pariser Vietnam-Abkommens ist es den Weltmächten noch immer nicht gelungen, auch in Kambodscha die kriegführenden Parteien an einen Tisch zu bringen.

Später Spruch

Überraschung hat der Spruch des Verfassungsgerichtes nirgendwo ausgelöst. Nachdem die Bayern schon mit zwei Anträgen gescheitert waren, die das Ziel verfolgt hatten, das Inkrafttreten des Grundvertrages zu verhindern, mußten sie sich nun auch noch von den Karlsruher Richtern darüber belehren lassen, daß dieser Vertrag mit der Verfassung vereinbar ist.

Ab nach Brüssel

Moskau hat kundgetan, daß der Generalsekretär des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (Comecon) beauftragt wurde, mit der Europäischen Gemeinschaft Sondierungsgespräche über Kooperationsmöglichkeiten zwischen den beiden Wirtschaftsblöcken aufzunehmen.

Amerika braucht eine Antwort

Wer heute ein paar Wochen durch Amerika reist und den zunehmenden Verfall der präsidentiellen Macht registriert, wird doch gleichzeitig auch immer wieder gewahr, daß es in absehbarer Zeit keine US-Regierung mehr geben wird, die so stark außenpolitisch – interessiert und einsatzbereit ist wie die Regierung Nixon.

Ausschuß-Ware

Parlamentarische Untersuchungsausschüsse dienen zwei Zwecken: Offiziell sollen sie einen als skandalös empfundenen, aber umstrittenen Sachverhalt aufklären, inoffiziell sind sie ein Instrument der Parteipolitik, von Regierungsparteien und Opposition gleicher maßen benutzt, um sich selber reinzuwaschen und den Gegner anzuschwärzen.

Afrikapolitik: Ein portugiesischer de Gaulle?

Vor knapp vier Jahren, als er den Oberbefehl über die portugiesischen Truppen in Moçambique übernahm, versprach General Oliveira Kaulza de Arriaga selbstbewußt, die "Pest der feigen Rebellen" in zwei Jahren "auszutreten, auszulöschen, mit Stumpf und Stiel auszurotten".

Zeitspiegel

Eines der Hauptanliegen von Mohamed Reza Pahlevi, Schah des ölreichen Iran, während seines viertägigen Staatsbesuchs in Washington war, seinem ohnehin bereits waffenstarrenden Land noch mehr militärisches Gerät zu beschaffen.

Jenseits der Legalität

Mit verlegenem Unbehagen reagierte Bonn auf die Berichte über eigenmächtige Abhörpraktiken des amerikanischen Geheimdienstes und der US-Armee in der Bundesrepublik.

Gespräche mit "Max"

Es ist eine alte Weisheit: Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande, oder, anders gesagt, eine Geschichte muß erst in der New York Times stehen, um auch hier geglaubt zu werden.

Fäuste ballen, Händchen halten

Im Hörsaal 2093 der Humboldt-Universität war der Übersetzer dem Redeschwall des algerischen Sprechers nicht mehr gewachsen. Er sah sich hilflos um und flüchtete sich schließlich in ein paar holperige Sätze, die aus den Wörtern Solidarität, Kampf, Tod und Sieg bestanden.

Was macht Solidarität? Spaß!

Dieter weiß, wie man Spalier bildet, er kann im Takt zu "Frieden, Freundschaft, Solidarität" in die Hände klatschen, und er läßt mit bewundernswerter Geduld stundenlange Reden auf Solidaritätstreffen über sich, ergehen.

Watergate- Affäre: Tanz um Tonbänder

Noch vor ein paar Tagen hatte sich Richard Nixon hart gegeben: Um des Prinzips der Gewaltenteilung und des von ihr abgeleiteteten Exekutivprivilegs willen, so hatte er kundgetan, müsse er darauf bestehen, daß die vertraulichen Dokumente des Präsidenten der Öffentlichkeit vorenthalten blieben.

Biermanns Lied

In der Chausseestraße 131 in Ostberlin, unweit des Dorotheenstädtischen Friedhofs, auf dem Bert Brecht begraben liegt, lebt Wolf Biermann.

Konferenz in Brüssel: Dialog mit den Armen

Der Widerspruch, an dem die Europäische Gemeinschaft schon seit längerem krankt, wird immer unübersehbarer. Während der innere Ausbau der EG stagniert, von Rückschlägen bedroht ist, nimmt die Zahl der Herausforderungen von außen zu.

Wie man Millionen verpulvert...

Nur wenige Kilometer von der Münchhausen-Stadt Bodenwerder entfernt liegt das Dorf Westerbrak. Es liegt abseits der Bundesstraße Nr.

Bundesstraße 404: Traurige Bilanz

Der Dreher Ernst Thode aus Kiel hatte schon um fünf Uhr morgens seine Urlaubsreise nach Österreich angetreten, um – wie er bei der Abfahrt einer Nachbarin erzählte – nicht in den dicken Berufsverkehr auf der zweispurigen Bundesstraße 404 zu geraten.

Lokalzeit: Trinken auf eigene Gefahr

Durch eine Glosse in der Baden-Badener Lokalzeitung wurde dieser Vorfall bekannt. Die kurstädtische Taxi-Vereinigung stellte sich daraufhin vor den Nein-Säger.

Diktatur in Lateinamerika: Heroische Habenichtse

Die Flut der Bücher über Südamerika – man darf ruhig von Schwemme sprechen – nimmt nicht ab. Für den nächsten Herbst finde ich gleich drei Bücher angekündigt, über die Lateinamerikaner, über das zornige Lateinamerika, über "Lateinamerika – ein Kontinent wird geschmiedet".

Biographien: Napoleon als "Zivilist"

Das mußte ja wohl kommen: In einer Zeit, die der Geschichte mit Hilfe dubioser "Psychogramme" beizukommen glaubt, durfte schließlich auch eine Analyse von Napoleons Sexualleben nicht länger fehlen.

Griechenland: Viele Nein-Stimmen

Mit einem fast an Ostblock-Zahlen erinnernden Abstimmungsresultat von 78,4 Prozent hat sich am Wochenende die griechische Militärregierung die Abschaffung der Monarchie und die Einsetzung von Oberst a.

Aktuelle Krisenherde

Die politische Lage Zyperns hat sich in der vergangenen Woche schlagartig verschlechtert. Bei Gefechten zwischen Polizei und EOKA-Anhängern des Generals Grivas, der für einen Anschluß der Insel an Griechenland kämpft, gab es mehrere Verletzte.

Berlin-Verkehr: Mißbrauchklausel

Die Bundesregierung will gegen den Mißbrauch der Transitwege im Berlinverkehr vorgehen. In einem Interview mit der Berliner Morgenpost wies Staatssekretär Grabert darauf hin, wer mit den Transitmöglichkeiten Mißbrauch treibt, müsse nach Artikel 17 des Transitabkommens "mit Gegenmaßnahmen der Bundesregierung rechnen".

Abhör-Affäre: Von Bonn gebilligt?

Das amerikanische Verteidigungsministerium hat zu Wochenbeginn Berichte der New York Times bestätigt, wonach US-Geheimdienststellen die Telephone von Zivilpersonen und nichtmilitärischen Dienststellen in der Bundesrepublik abhören.

Dokumente der ZEIT: Honecker – Hoch auf die Jugend

Die Jugend unserer Zeit ist vom Willen zur Freundschaft beseelt, weil diese Freundschaft eine große Kraft ist. Die Jugend unserer Zeit bekennt sich leidenschaftlich zu antiimperialistischer Solidarität, weil durch die Solidarität der Kampf der Völker gegen imperialistische Aggression und Unterdrückung, für nationale Unabhängigkeit und Freiheit überall siegreich sein wird.

Pnom Penh vor dem Fall?

In Kambodscha verstärkten die Truppen der Vereinigten Nationalen Front des Prinzen Sihanouk ihren Druck auf die Hauptstadt Pnom Penh.

Das Urteil von Karlsruhe

Im Verfassungsstreit um den Grundvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR hat sich die bayerische Staatsregierung am Dienstag ihre dritte Niederlage geholt: Der zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe befand einstimmig, daß der Vertrag mit dem Grundgesetz vereinbar sei und nicht gegen das Wiedervereinigungsgebot der Bonner Verfassung verstoße.

Chile: Mord und Streik

Der Marineadjutant des chilenischen Präsidenten Allende, Kapitän Arturo Araya Marin, ist am Freitag vergangener Woche ermordet worden.

Weltjugendspiele

Mit einem dreieinhalb Stunden dauernden Aufmarsch der Delegationen wurden am Wochenende in Ostberlin die "X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten" eröffnet.

Streit um den Vorsitzenden

Der Steiner-Untersuchungsausschuß des Bundestages wird seine Arbeit vermutlich erst im Spätherbst abschließen können, da er seine Untersuchungen auf die Übertritte von Abgeordneten während der vorigen Legislaturperiode ausgedehnt hat und außerdem interne Auseinandersetzungen einen zügigen Fortgang lähmen.

Nixon fordert die dritte Gewalt heraus

Zu einem beispiellosen Verfassungskonflikt in der fast 200jährigen amerikanischen Geschichte ist es gekommen, nachdem Präsident Nixon nach der Legislative – dem Kongreß – auch die dritte Gewalt im Staate, die Judikative, herausgefordert hat.

Akrobaten aus Peking: Leistung ohne Brimborium

Politische Assoziationen liegen natürlich nahe. Denn wie vor einiger Zeit so leichtgewichtige Gegenstände wie Pingpongbälle erste Risse in das vereiste Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Rotchina ritzten, so möchte man jetzt mutmaßen, daß sich die Volksrepublik China mittels Bodenakrobatik, Hochseilartistik und Zauberei der Bundesrepublik Deutschland zu nähern versucht und auf diese Weise mit Leben erfüllen will, was im vergangenen Jahr formell vereinbart wurde: Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Bonn und Peking.

Argumente für und gegen: Klassiker

W’ir wollen hier nicht nach deutscher Historikerart zurückgehen auf römische Steuerklassen oder dergleichen, sondern nur fragen, was eigentlich dafür und was dagegen spricht, in der Literatur das Erbe etwa Shakespeares, in der Malerei das Erbe etwa Rembrandts, in der Musik das Erbe etwa Mozarts zu pflegen und weiterzugeben an die, die nach uns kommen.

Ein Festival für Istanbul

Kaiser und Sultane wußten, was gut ist. Als Mehmet II., den sie auch Fatih ("der Eroberer") nannten, sich 1475 bis 1478 seinen Palast bauen ließ, suchte er sich dafür die schönste – und wohl auch strategisch günstigste – Stelle Instanbuls aus, die Spitze der Halbinsel zwischen Marmara-Meer und Goldenem Horn, gegenüber dem Eingang zum Bosporus.

Vom Abriß bedroht: Das Haus des Christian Wagner

Der Ruhm Wagners war in früheren Jahrzehnten weit über Württemberg hinausgedrungen, und es gab mehrere Ausgaben seiner Gedichte, unter anderem eine 1920 von Hermann Hesse besorgte und eingeleitete im Verlag Georg Müller.

Schallplatte

Auf seiner Reise zurück ins Märchenland der Nostalgie entdeckte der amerikanische Sänger Harry Nilsson populäre Standard-Songs von den zwanziger bis zu den späten fünfziger Jahren, Kompositionen wie Irving Berlins "What’ll I do?", Gus Kahns "It had to be you" und Dooley Wilsons "As Time goes by", die er fast ausnahmslos besser und intensiver singt als deren originale Interpreten.

Kunstkalender

Als die Bilder von Gnoli 1968 auf der 4. documenta zu sehen waren, gehörte radikaler Realismus noch nicht zum gängigen Vokabular.

Filmtips

"Total verrockt und rollt" von Sid Levin und Bob Abel. Nach "Keep on Rockin’" von Pennebaker ein weiterer Film auf der von den Plattenfirmen angeheizten und von der Nostalgiestimmung begünstigten Rock-’n’-Roll-Wiederbelebungswelle.

Henry Moore wurde am 30. Juli 75. Jahre alt: Ohne Vergangenheit keine Gegenwart

Von Sir Nikolaus Pevsner, dem Doyen der englischen Kunst- und Architekturkritiker (geboren 1902 in Leipzig), stammt das schöne Buch über "Das Englische in der englischen Kunst" ("The Englishness of English Art"): überzeugend vorgetragene Beispiele für eine ebenso einleuchtende wie problematische These, bei deren Demonstration Pevsner nur einmal höchst offensichtlich aus dem Takt gerät: ".

Unser Seller-Teller

Kein zweiter Verleger-Briefwechsel könnte spannender sein, aufschlußreicher für die Situation des Exils und den Charakter der beiden Briefschreiber, die sich nichts geschenkt haben.

Kritik in Kürze

"Anpassung als Notwendigkeit", herausgegeben von Johannes Schlemmer. Dreizehn Aufsätze, die – so der Untertitel – "zur Überwindung eines modischen Mißverständnisses" beitragen sollen.

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