Das Tableau hat sich gewandelt, die Dinge sind "in Fluß" geraten. Leonid Breschnjew richtete an die Gäste des Internationalen Filmfestivals in Moskau ein Grußwort. Er wies darauf hin, daß die Devise "Für Humanismus, für Frieden und Freundschaft zwischen den Völkern" in diesen Tagen besonders aktuell klinge. Das ist natürlich nicht zu bestreiten, und man braucht das nicht etwa nur auf Breschnjews eigene Friedensinitiative im Westen zu beziehen. Der Charakter der Filmfestspiele selber, der achten, hat sich bereits verändert. Aber die Befriedungspolitik machte Sprünge, und nicht immer die geschicktesten.

Die Sowjetunion ging, was die Vorführung eigener Filmproduktionen betrifft, mit gutem Beispiel voran. Filme wie "Die Befreiung", Kriegsfilme, die etwa den siegreichen Vormarsch der Roten Armee auf Berlin glorifizierten, wurden nicht mehr gezeigt. Der diesjährige große sowjetische Beitrag "Dies süße Wort – Freiheit" war, jedenfalls hinsichtlich der Bundesrepublik Deutschland, frei von jeder Reminiszenz an eine feindliche Situation. Das Land, in dem der Kampf von Kommunisten mit dem herrschenden Regime, und das heißt doch mit Gewaltherrschaft, demonstriert wurde, hatte keinen Namen. (Als südamerikanisch war es dagegen leicht zu identifizieren, und Freiheit heißt denn hier auch, spanisch, "libertad".)

Groteske Entteufelung

Die Sowjetunion übte sich nicht nur in Enthaltsamkeit, sie wies auch auf Wege der Verständigung und Versöhnung hin. Ihr Beitrag "Setzlinge" von R. Tschcheidse, der, was die Ausprägung einer dominierenden volkstümlichen Figur betrifft, an den "Vater des Soldaten" desselben Regisseurs (mit dem inzwischen verstorbenen Schauspieler Sergo Sakarjadse) erinnert, aber völlig unkriegerisch, ja idyllisch ist, wirbt um Sympathien für einen alten knorrigen, pfiffigen, verschmitzten georgischen Bauern. Wir beobachten den Alten mit seinem Enkel auf einer kleinen Reise in heimatlichen Bezirken. Er sucht nach Setzlingen für eine bestimmte Birnensorte, Unterwegs geraten Großvater und Enkel zufällig in einen Omnibus mit amerikanischen Touristen. Zwischen dem alten Georgier und einem Amerikaner, die einander sprachlich gar nicht verstehen, flammt Freundschaft auf. Das Bindeglied ist die Liebe zur Obstzucht.

Dieser naive und stille, ein wenig sentimentale Film gehört politisch in die Kategorie Friedensinitiative – schon vor Breschnjew: Er ist schon im Jahre 1972 gedreht. Allerdings nicht in Moskau, sondern in Tbilissi (Georgien). Man sieht, die Republiken der Union sind nicht unbedingt Moskau-hörig, sie prägen ihr nationales Profil, es gibt Abweichungen, historische Asynchronitäten (und zuweilen verschwiegene störrische Bekundungen von Selbständigkeit).

Der Film paßt trotz allem genau in Breschnjews momentanes Konzept. An anderen Stellen des Festivals gab es schon eher Widersprüche. In die Schablone "Frieden und Freundschaft" läßt sich vor allem, will man die Amerikaner in die erweiterte Weltumarmung mit hineinziehen, der vietnamesische Beitrag "17. Breitengrad: Tage und Nächte" nun ganz gewiß nicht pressen. Daß bei der Schilderung des heroischen Kampfes des vietnamesischen Volkes gegen die USA kühle (und künstlerisch ergiebige) Distanz mit im Spiele sei, wer könnte das in diesem Augenblick, erst auf der Schwelle zum Frieden, ernstlich erwarten?

Der Film ist von natürlichem Haß erfüllt. Ein amerikanischer Oberst zum Beispiel ist eine gespenstische Erscheinung. Seine Visage wirkt unrealistisch. Sie scheint von einem Georges Grosz, wenn nicht erfunden, so doch ausgewählt und auf karikaturistischen Hochglanz zurechtgeschminkt zu sein. Frieden und Freundschaft? Zwischen wem denn? Gewiß nicht zwischen allen 86 Ländern, deren Vertreter an dem Moskauer Mammuttreffen im Juli teilnahmen. Aber wer will es den Vietnamesen verargen, daß sie bei der psychischen Selbstentblößung der Nation in das Fahrwasser der Maßlosigkeit abtrieben? Und, vom künstlerischen ("ästhetischen") Standpunkt aus, keinen guten Film präsentierten? Das Moskauer Filmfestival ist ohnehin traditionsgemäß kein Festival der formalen Experimente und der westlichen Avantgarde, es ist ein politisches Festival.