W’ir wollen hier nicht nach deutscher Historikerart zurückgehen auf römische Steuerklassen oder dergleichen, sondern nur fragen, was eigentlich dafür und was dagegen spricht, in der Literatur das Erbe etwa Shakespeares, in der Malerei das Erbe etwa Rembrandts, in der Musik das Erbe etwa Mozarts zu pflegen und weiterzugeben an die, die nach uns kommen.

CONTRA:

1. Jede Minute, die einem klassischen Künstler gewidmet wird, geht auf Kosten eines lebenden Künstlers.

2. Die Klassiker wußten gar nichts davon, daß sie "Klassiker" waren. Sie hatten ihre Sorgen – wir haben ganz andere.

3. Eine Gesellschaft, die klassisches Erbe pflegt, benutzt es als Alibi für ihre eigene Unfruchtbarkeit.

4. Mit der Pflege der Klassik gerät die Kunst aus den Händen der Autoren in die der Experten und Interpreten: des Regisseurs, der ein Shakespeare-Stück wahnsinnig originell inszeniert; des Museumsdirektors, der Rembrandt in einem ganz anderen Licht zeigt; des Dirigenten, der aus Mozarts vier Vierteln acht Achtel oder zwei Halbe macht.

5. Pflege der Klassik ist retrospektiv, Kunst aber will und soll progressiv sein (daher eben jene "progressiven" Interpretationen der Klassik). Sie will nicht zurückführen, sondern weiterführen.