"Anpassung als Notwendigkeit", herausgegeben von Johannes Schlemmer. Dreizehn Aufsätze, die – so der Untertitel – "zur Überwindung eines modischen Mißverständnisses" beitragen sollen. Biologen, Physiologen, Anthropologen, Psychologen, Pädagogen, sie alle legen hier, mit Unterschieden, Bekenntnisse zur Anpassung ab, Bekenntnisse, die sich, wie etwa bei dem Verhaltensforscher Paul Leyhausen, von der Einsicht nähren: "Was der menschliche Charakter braucht..., ist eine festgefügte, relativ beständige Wertordnung, an der er sich nach Abschluß seiner Jugend zeitlebens orientieren kann." Sublimer als Leyhausen geht der Biologe Hans Schaefer zu Werke, der an Hand von Beispielen wie dem vom Auge, das "vom Hellen ins Dunkle gebracht, seine Lichtempfindlichkeit steigert", dartut, daß Anpassung nicht nur ein notwendiger, sondern auch ein natürlicher, das heißt automatischer Vorgang sei. Was ja auch weitgehend zutrifft, soweit es sich um biologische Anpassung handelt. Doch Schaefer – und auch andere Autoren dieses Bandes – stellt die physiologischen Verhaltensanpassungen den sozialen gleich und errichtet so das Lehrgebäude des biologistischen Fatalismus. Auf den ersten Blick kritischer gehen die Psychologen und Soziologen das Problem an. Sie treten immerhin nicht so ganz unreflektiert als Apologeten der Anpassung auf, sondern handeln von Anpassungsschwierigkeiten, die sich "im Spielraum von Triebbefriedigung und ihrem Aufschub" ergeben (Hans Thomä), die sich bei beschleunigtem sozialem Wandel einstellen (von Krockow), oder es werden "Krisen der kollektiven Anpassung" beschrieben (Tobias Brocher). Freilich erscheint auch in diesen Beiträgen nicht-angepaßtes Verhalten lediglich als eine Art Bazillus, den man nur deshalb untersucht, um ihn zu bekämpfen. Von der Anpassung, die unter gewissen Bedingungen Krankheit oder Verbrechen sein kann, ist in diesem Sammelband überhaupt nicht die Rede. (Serie Piper 46, R. Piper & Co. Verlag, München; 171 S., 10,– DM.) Christian Schultz-Gerstein