Neu in Museen und Galerien:

Darmstadt Bis zum 19. August, Kunsthalle: "Domenico Gnoli"

Als die Bilder von Gnoli 1968 auf der 4. documenta zu sehen waren, gehörte radikaler Realismus noch nicht zum gängigen Vokabular. Für seine Malerei und für die Ratlosigkeit, Betroffenheit oder Faszination, die sie bewirkte, gab es keinen Namen, keinen Begriff. Inzwischen sind eine Menge Realismen amerikanischer und europäischer Provenienz über die internationale Bühne gegangen. Gnoli, der 1970 gestorben ist, erst 36 Jahre alt, wurde postum als Wegbereiter und Initiator der Realismusbewegung in ihrer extremen Gestalt apostrophiert. Daß er damit in eine falsche Rolle gedrängt wurde, demonstriert diese erste bundesdeutsche Retrospektive mit ungefähr 70 Bildern aus den Jahren 1960 bis 69, die Bernd Krimmel für Darmstadt zusammengebracht hat, und die anschließend in Rotterdam, Brüssel und Paris gezeigt wird. Der Unterschied zu den anderen Realisten ist eklatant, Gnoli hat nicht Schule gemacht, auch nicht bei den amerikanischen Photorealisten. Er ist ein einzelner, der aus persönlicher Erfahrung seinen eigenen Stil von Sachdarstellung entwickelt hat, und obgleich er ein relativ schmales Werk hinterlassen hat (in Darmstadt ist nahezu alles Verfügbare beisammen), wird er mit dieser Sicht und diesem Stil als Einzelgänger einen festen Platz in der Kunst der sechziger Jahre behalten. Man könnte seine Malerei für eine Art Dingfetischismus halten, weil die immer gleichen Gegenstände wiederkehren: der Damenschuh, die Krawatte, das Oberhemd, das Sofa, das Bett. Aber die Gegenstände an sich sind bedeutungslos, offenbar geht es gar nicht um magische Dingerfahrung und geheimes Leben einer nature morte. Krawatten, Bettbezüge, Schuhe werden auch nicht total, sondern im Ausschnitt riesig vergrößert und isoliert von jeder menschlichen Beziehung vorgeführt, ein Stück Oberfläche mit ornamentalen Strukturen, die sich präzis im Material abzeichnen, die sich wellen und kräuseln und das Licht reflektieren, Gegenstände, die nur durch die ungeheure Intensität, mit der sie gesehen und ins Bild gebracht werden, eine ihnen unangemessene, eine absurde Bedeutung erlangen. "Dies eine Objekt vor mir, allein vor mir, der ich allein bin, genau mir gegenüber, so wie ich jemanden, der mich wirklich interessiert, vor mir haben möchte, in gutem Licht, so daß ich ihn besser sehen kann." Dieser Gegenstand, erklärt Gnoli an anderer Stelle, "sagt mir mehr über mich selbst als irgend etwas anderes, erfüllt mich mit Furcht, Ekel und Entzücken".

Hamburg Bis zum 9. September, Museum für Kunst und, Gewerbe: "Wir öffnen die Schatzkammern: Graphik"

In diesem Fall ist es nicht einmal übertrieben, ein Museumsmagazin zur Schatzkammer hochzustilisieren. Schon die wenigen Blätter aus dem Umkreis der Brüder van Eyck sind kostbarste Proben spätmittelalterlicher Miniaturmalerei. Außerdem wird die Entwicklung des Ornamentstichs in exzellenten Einzelblättern und Zyklen vorgeführt. Bereits im 16. Jahrhundert werden die ornamentalen Grundformen ausgearbeitet: Arabeske, Maureske, Kartusche, Beschlag- und Rollwerk, die in den folgenden Epochen abgewandelt, den jeweiligen Stilintentionen angepaßt werden und bei der Rocaille des 18. Jahrhunderts enden. Als eine romantische Spezialität angewandter Kunst werden die häufig reproduzierten Scherenschnitte von Philipp Otto Runge im Original gezeigt. Und schließlich eine glänzende Kollektion amerikanischer und englischer Plakate des 19. Jahrhunderts, die in keinem anderen deutschen Museum annähernd so reich vertreten sind.

Gottfried Sello

Wichtige Ausstellungen: