Von Michael Naumann

Die 65 000 deutschen Abiturienten, die gern ein Numerus clausus-Fach studieren möchten, haben einen spannenden Sommer. Die meisten erfuhren erst durch die Massenmedien, daß sie sich ab 1. Juni bei der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) in Dortmund um einen der 17 316 freien Plätze bewerben mußten. Nur jeder vierte von ihnen wird den gewünschten Studienplatz erhalten. Die Antragsfrist lief am 15. Juli ab. Während der Staatsvertrag, der die Studienplatzvergabe regelt, inzwischen eine Prozeßlawine auslöste, warten die hoffnungsfrohen Studienanfänger auf weitere Nachricht aus Dortmund. Sie müssen zu Hause warten; denn die ZVS verschickt an alle Kontrollblätter, die sofort beantwortet werden müssen – und dann erst, Ende August, folgen die Zulassungen und Absagen.

Nur wenige sind auserwählt: Wer sein Abitur 1973 mit einem Notendurchschnitt unter 1,7 gemacht hat, hat so gut wie keine Chance, in Deutschland noch Medizin studieren zu dürfen. Deutschlands Patienten werden in Zukunft von Ärzten gehegt werden, die auch in Fächern wie Gemeinschaftskunde einmal glänzten; nur noch die Besten der Besten können Numerus-clausus-Fächer wie Medizin studieren, und manchmal selbst sie nicht.

Die neunzehnjährige Angela Kunkel zählt mit sanftem Münchner Akzent ihre sieben Einser, sechs Zweier und eine Drei auf. So glanzvoll bestand sie das Abitur am Bert-Brecht-Gymnasium. Medizin wird sie allerdings nicht studieren können. Denn Angela Kunkels Zeugnis wird durch die Bestimmungen des "Staatsvertrags über die Vergabe von Studienplätzen vom 20. Oktober 1972" nebst "Einheitlicher Rechtsverordnung" mit einem Bayern-"Malus" belastet, der die Abiturientin auf den Durchschnitt 2,0 hinabdrückt. Angelas Vater, Studiendirektor Kunkel, sagt verbittert: "Das hätt’ ich mir net träumen lassen." Seine Tochter fühlt sich von Bayerns Regierungspartei, die den Staatsvertrag erst feierte, dann ratifizierte, aber offensichtlich zu spät genau las, "verschaukelt" und reichte eine einstweilige Anordnung beim Bundesverfassungsgericht ein. Die kann sich aber nur gegen den Signatarstaat Bayern richten.

Ihr Anwalt, der Münchner Ordinarius für öffentliches Recht und Kirchenrecht, Axel Freiherr von Campenhausen, erhält unerwartete Schützenhilfe: Die CSU unterstützt ihn in seinen Bemühungen gegen die Politik der CSU. So wird die deutsche Bildungspolitik vor Gericht auf ihren Begriff gebracht: "Numerus clausus", ein logisches Trauerspiel von Professor Doktor Karl Valentin. Angela Runkel aber, die verhinderte Medizinerin, will nun – "eine Verlegenheitslösung" – vorerst Informatik studieren.

Die 65 000 Bewerber für die 17 316 Numerusclausus-Studienplätze dieses Wintersemesters wären gut beraten, sich wie ihre begabte Münchner Kollegin über Berufsperspektiven jenseits der NC-Fächer Architektur, Biochemie, Biologie, Chemie, Lebensmittelchemie, Medizin, Pharmazie, Psychologie, Tiermedizin und Zahnmedizin zu erkundigen. Denn die computergesteuerten Entscheidungen über ihre Studienplatzanträge verschickt die Dortmunder "Zentralstelle" erst Ende August, wenn der Semesteranfang schon nahe ist.

Die enttäuschte Mehrheit kann dann beim Verwaltungsgericht Gelsenkirchen klagen. Dort rechnet man mit 1100 Verfahren, die Belegschaft wird vorsorglich schon verstärkt. Die nächste Instanz ist das Oberverwaltungsgericht Münster. Einer seiner Richter, der Verfassungsrechtler Günther Barbey, meinte in seinem Habilitationsvortrag, der Staatsvertrag ("eine monströse Konstruktion") sei grundgesetzwidrig.