Von Carl-Christian Kaiser

Politische Assoziationen liegen natürlich nahe. Denn wie vor einiger Zeit so leichtgewichtige Gegenstände wie Pingpongbälle erste Risse in das vereiste Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Rotchina ritzten, so möchte man jetzt mutmaßen, daß sich die Volksrepublik China mittels Bodenakrobatik, Hochseilartistik und Zauberei der Bundesrepublik Deutschland zu nähern versucht und auf diese Weise mit Leben erfüllen will, was im vergangenen Jahr formell vereinbart wurde: Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Bonn und Peking.

Die Wahrheit sieht etwas anders aus. Denn wenn jetzt zum ersten Male der Akrobaten-Circus aus der Volksrepublik China in westdeutschen Städten auftritt, dann hat das weniger mit politischen Ambitionen als vielmehr, mit Zufällen im internationalen Schaugeschäft zu tun. Horst Boerner, der einst dem in diesen Geschäften, besonders mit dem Osten, erfahrenen Unternehmer Mattner zur Hand ging, und der nun den Auftritt der volksrepublikanischen Truppe managt, hat von deren Ruf durch ihre Aufführung in den USA Ende letzten und Anfang dieses Jahres erfahren. Da war es eine glückliche Fügung, daß auf dem Programm der 70köpfigen Truppe auch eine europäische Tournee stand: Rumänien, Frankreich, Italien, England.

Kurzentschlossen engagierte er sie auch für die Bundesrepublik. Das hat, in Verhandlungen mit der gerade erst installierten Botschaft der Volksrepublik China in Bonn, keine besonderen Schwierigkeiten gemacht, wenngleich die Chinesen, gestützt auf die internationale Nachfrage, ebenso liebenswürdige wie unnachgiebige Verhandlungspartner waren.

Sie können sich das leisten, denn die Akrobaten sind Spitzenklasse. Ich verstehe wenig von Akrobatik, aber ob es sich nun um Kunststücke mit rotierenden Tellern, um Stimmenimitationen, um Perche-Akte, um das Jonglieren mit kiloschweren Vasen oder um das Radfahren mit zwölf Personen auf einem Vehikel handelt – das alles beweist hohe Handwerkskunst. Sie ist um so höher einzustufen, als sie ganz unprätentiös dargeboten wird, ohne Flitter und Brimborium, als Leistung an sich. Und hinzu kommt die Fröhlichkeit der Darbietungen, hervorgerufen schon durch die zwitschernde Stimme der chinesischen Ansagerin.

Dies alles reißt das Publikum zur Begeisterung hin – wobei es für die rotchinesischen Gäste zunächst eine irritierende Erfahrung war, daß ihre Zuschauer in Köln, wo die Tournee begann, zum Zeichen des Beifalls den Holzboden der Sporthalle mit den Füßen traktierten. Erst als ihnen erklärt wurde, daß derlei Trampeln besondere Zustimmung signalisiere, waren sie beruhigt und befriedigt. Und als Zeichen des außerordentlichen Interesses können sie es auch werten, daß Zuschauer in der Pause der zweieinhalbstündigen Schau immer wieder in die Akrobatenwerkstatt hinter der Bühne einzudringen versuchen und auch die Instrumente und Noten des ebenfalls original chinesischen Orchesters, das die einzelnen Nummern untermalt, einer genauen Inspektion unterziehen.

Das hat etwas von den ersten Nachkriegsjahren an sich, als die Deutschen in amerikanische Filme rannten, um am Beispiel von Frank Sinatra oder Bing Crosby zu lernen, wie sich diese Amerikaner denn räuspern und wie sie spucken. Li Kuo-liang etwa, der stellvertretende Direktor der Truppe, rühmt das Interesse der deutschen Zuschauer, und dies offensichtlich nicht nur aus angeborener Höflichkeit, über alle Maßen.