Ein dümmliches Psychogramm und ein interessantes Heldenepos
Von Eckart Kleßmann
Das mußte ja wohl kommen: In einer Zeit, die der Geschichte mit Hilfe dubioser "Psychogramme" beizukommen glaubt, durfte schließlich auch eine Analyse von Napoleons Sexualleben nicht länger fehlen. Dieser Aufgabe unterzog sich ein britischer Militärarzt:
Frank Richardson: "Napoleon: Bisexual Emperor"; William Kimber, London 1972; 255 S., £ 3,95.
Um es gleich zu sagen: Dies ist eines der dümmsten Bücher, die bislang über Napoleon geschrieben wurden. Schon die Quellen, aus denen sich dieser übelriechende Fluß speist, sind mehr als trübe: Bourrienne, Barras, die Herzogin von Abrantes, Lewis Goldsmith, Madame Remusat – peinlich. Da ist der ganze Schmierenjournalismus der Bourbonenzeit samt den Klatschgeschichten späterer Epochen hübsch beieinander. Dazwischen erscheint manchmal, auch der redliche Caulaincourt, als Feigenblatt? Und Napoleon selbst? Er wird – nach seinen Schriften und Briefen – niemals zitiert, dafür um so mehr über ihn, und natürlich glaubt Richardson jedes Wort, denn woher sollte der Doktor auch gelernt haben, historische Quellen zu sichten und ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen? Er verwahrt sich sogar dagegen, daß man Bourriennes Memoiren (mit Recht) in Zweifel zieht.