An dieser – erstmals 1913 aufgestellten – These ist etwas. Aber Richardson verdirbt wieder alles. 1809 seien die ersten Symptome aufgetaucht. Da der Autor aber nach einigen Seiten meist vergessen hat, was er zuvor behauptete, konstatiert Richardson später, Napoleon habe sein ganzes Leben lang daran gelitten.

Aber genug. Wozu noch aufzählen, was in diesem Buch nachweislich falsch ist? Was soll auch ein Leser mit einem Werk anfangen, das sich unaufhörlich selbst widerspricht? Napoleon war zeitlebens von tiefem Mißtrauen gegen die Mediziner erfüllt; nach diesem Elaborat eines britischen Militärarztes kann man das sogar verstehen.

Soeben erscheint auf dem deutschen Markt eine weitere Napoleon-Biographie eines Engländers, in der zwar gleichfalls über Napoleons Sexualleben diskutiert wird, die sich aber trotzdem als ein seriöses Buch erweist:

Vincent Cronin: "Napoleon. Eine Biographie"; aus dem Englischen übersetzt von Martin Berger; Claassen Verlag, Düsseldorf 1973; 632 S., 34,– DM.

Richardson, der Cronins Buch fleißig zitiert (aber nicht aus ihm gelernt hat), wirft ihm einen "Napoleon von heroischem Ausmaß" vor. Daran ist etwas Wahres. Cronin, der sich vor Jahren mit einer Biographie Ludwigs XIV. qualifizierte (in deutscher Übersetzung beim Goverts Verlag), wollte "einen Napoleon finden, den ich als lebendigen, atmenden Menschen darstellen konnte", und dazu verhalf ihm eine Fülle neuer, erst seit kurzem bekanntgewordener Quellen in Form von Briefen, Tagebüchern, Memoiren.

Mit ihrer Hilfe konnte Cronin "viele der Widersprüche aufklären, die mich zunächst verwirrt hatten", und er schreibt über die Aufgabe seiner Biographie: "Sie sollte sich nicht so sehr mit militärischen als vielmehr mit zivilen Angelegenheiten befassen, da Napoleon selbst diesen seine meiste Zeit widmete."

Das hat nun zur angenehmen Folge, daß sich diese Darstellung vornehmlich mit dem Gesetzgeber und Reformer Napoleon befaßt und den Militär fast außer acht läßt. Und da das Charakterporträt und die breite Schilderung seiner Jugend und Ausbildung im Mittelpunkt stehen, bekommen wir hier quasi einen Napoleon in Zivilkleidung vorgestellt. Das ist zwar begrüßenswert, aber dennoch einseitig. Napoleon hat nämlich mit Lust und Liebe Krieg geführt, das ist nicht wegzuretuschieren; "Kanonengebrüll und wiehernder Rosse Getrabe" waren ihm geradezu Lebenselixier, und im Felde unter seinen Soldaten war er wirklich ganz zu Hause.