Als widernatürliche Ehe, deren Partner nicht verschieden, sondern gleichen Geschlechtes seien, beschimpfte Chruschtschow 1962 die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Im gleichen Atemzug bot der damals mächtigste Mann der Sowjetunion den Westeuropäern wirtschaftliche Zusammenarbeit an.

Zehn Jahre später ließ Chruschtschows Nachfolger Breschnjew Worten Taten folgen. Der Generalsekretär des östlichen "Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe" (RGW, meist Comecon genannt), Fadjejew, wurde Anfang Juni auf der letzten RGW-Tagung in Prag Zur Kontaktaufnahme mit Brüssel ermächtigt.

Die Nachricht über diesen Schritt gab Sowjetaußenminister Gromyko erstmals in Helsinki während der Sicherheitskonferenz an Dänemarks Außenminister Andersen, derzeit EG-Ratspräsident, weiter. Doch erst Andersens Luxemburger Kollege Thorn, von der Sowjetführung erneut ins Bild gesetzt, begriff die politische Dimension der Prager Entscheidung und informierte die in Moskau akkreditierten Botschafter der EG-Mitgliedstaaten.

Im Brüsseler EG-Hauptquartier Berlaymont war die Reaktion gelassen. "Die Europäische Kommission ist jederzeit bereit, Gesprächspartner zu empfangen", erklärte Kommissionssprecher Livi. In der Tat mißt die Brüsseler Kommission dem angekündigten Ostkontakt eher die Aufgabe der Eisschmelze zu. Der RGW hat im Gegensatz zur EWG die handelspolitischen Kompetenzen nicht aus der nationalen Hoheit entlassen. hhb