Ein halbes Jahr nach der Unterzeichnung des Pariser Vietnam-Abkommens ist es den Weltmächten noch immer nicht gelungen, auch in Kambodscha die kriegführenden Parteien an einen Tisch zu bringen. Die Suche nach einem Kompromiß ist unvergleichlich schwerer als in Südvietnam. Anders als die Vietcong haben die Khmer Rouge die Hoffnung auf einen militärischen Sieg nicht aufzugeben brauchen. Die Situation in diesem drittklassigen Partisanenkrieg gleicht etwa der Lage in Südvietnam Mitte der fünfziger Jahre: Es handelt sich um einen Bürgerkrieg, in dem ausländische Truppen (Nordvietnamesen, thailändische Freiwillige) nur gelegentlich und am Rande auftauchen; das Regime in Pnom Penh von Korruption und Intrigen zerfressen; die Armee der Republik ist nicht fähig, ohne amerikanischen Luftschirm durchzustehen.

Überdies ist die Verhandlungsposition Präsident Nixons und seiner Schutzbefohlenen in Pnom Penh seit einigen Wochen empfindlich aufgeweicht. Beschlüsse wie der des Kongresses, der die B 52 Bomber am 15. August an die Kette legen will, oder der des Brooklyner Amtsgerichts, der den Luftkrieg mit sofortiger Wirkung verbieten wollte, mußten die Anhänger des Prinzen Sihanouk geradezu ermuntern, die Entscheidung doch noch auf dem Schlachtfeld zu suchen. Kissinger tat gut daran, seine Reise nach Peking zu vertagen, nachdem ihm die Parlamentarier die letzten Trümpfe aus der Hand geschlagen hatten.

Die Versuchung für die Truppen des Prinzen ist groß, nach dem Stopp der Bombenangriffe die Zwei-Millionen-Stadt durch einen Handstreich im Stil der Tet-Offensive unter Kontrolle zu bringen. Vielleicht aber genügt seinen Kommandeuren schon die Demonstration ihrer Stärke, um sich dann nach dem Fünfzehnten mit dem geschwächten Gegner auf jene Verhandlungen einzulassen, die beide Seiten bislang so geflissentlich scheuten. Mehr als ein "bewaffneter Friede", mehr als ein Waffenstillstand auf dem Papier darf auch dann nicht erwartet werden. Kj