Von Sir Nikolaus Pevsner, dem Doyen der englischen Kunst- und Architekturkritiker (geboren 1902 in Leipzig), stammt das schöne Buch über "Das Englische in der englischen Kunst" ("The Englishness of English Art"): überzeugend vorgetragene Beispiele für eine ebenso einleuchtende wie problematische These, bei deren Demonstration Pevsner nur einmal höchst offensichtlich aus dem Takt gerät: "... und beeile ich mich zuzugeben, daß Henry Moores Bedeutung als Bildhauer im 20. Jahrhundert allem widerspricht, was ich in diesem Kapitel gesagt habe. Wenn die Engländer eine nichtplastische Nation sind, wenn es wahr ist, daß sie zu keiner Zeit in der Vergangenheit Skulpturen hervorgebracht haben ..., wie kann es dann möglich sein, daß der größte lebende Bildhauer Engländer ist?"

Es war und ist möglich, daß mit Henry Moore die englische Plastik quasi aus dem Nichts gekommen ist; daß dieses Phänomen unglaublich befreiende Folgen gehabt hat; daß der größte Bildhauer der Gegenwart Engländer ist.

Henry Moore, der Bergarbeitersohn aus Yorkshire, dem verständnisvolle Lehrer den Weg an das Royal College of Art in London ebneten (wo er erst als Schüler, dann als Lehrer tätig war), hat zwar mit seinen allerersten Arbeiten unfreundliche Kommentare von Kritikern geerntet und wurde der Brutalität geziehen; seit etwa 1940 aber (damals wurde er zum "war artist" ernannt und zeichnete die "shelter drawings", nach Motiven aus Luftschutzbunkern und U-Bahn-Schächten entstanden) ist er ein derart akzeptierter und, nach dem Kriege dann, auch international renommierter und geehrter Künstler (1948 bekam er den Bildhauerpreis der Biennale), daß es für seine Zeitgenossen immer schwieriger wird, mit ihm, mit dem Schatten, den ein Klassiker dieser Dimension auf das Selbstbewußtsein seiner Umwelt wirft, fertig zu werden. Die englische Plastik ist Schule von Moore oder Opposition gegen Moore, und das deutsche Fernsehen, das am Abend des fünfundsiebzigsten Geburtstags einen (um in nationalen Dimensionen zu bleiben: sehr deutschen, sehr demütigen) Film über Moore brachte, kündigte diesen mit der dummdreist ehrfurchtsvollen Bemerkung an, daß Moore auch heute "noch im Vollbesitz seiner Schaffenskraft" sei.

Moore, für den die Begegnung mit der archaischen Kunst entscheidend war und dem die Gesetze des Materials wichtiger sind als die einer Kunstlehre, hat im vergangenen Jahr eine ungeheure Herausforderung angenommen: Er stellte sein Werk in Florenz aus, der Stadt, die eine Stein gewordene Inkarnation all jener Ideale ist, die (bis auf das Vorbild Michelangelo) für Moore nie welche waren. Moores Plastiken, dieser monumental sensible Balanceakt von Licht, Schatten, Halbschatten, dieses Wechselspiel von plastischem Volumen und durch Öffnung in die Plastik hineingeholtem Raum im klaren, klassischen Licht der Toscana und vor der Filigrankulisse von Florenz: nie haben sich Konzepte, Anspruch und Stellung dieses Klassikers des zwanzigsten Jahrhunderts so selbstverständlich triumphal bewiesen wie hier.

Moore, der Bildhauer, für den Zeichnung und Lithographie eigentlich mehr Nebenbeschäftigung und Vorbereitung waren als Selbstzweck, hat in den letzten Monaten Lithographien zu Gedichten von W. H. Auden gemacht. Noch sind sie der Öffentlichkeit nicht vorgestellt worden, aber es kann sein, daß wir uns weiterhin damit werden abfinden müssen, daß Moore auch nach dem fünfundsiebzigsten Geburtstag "noch im Vollbesitz seiner Schaffenskraft" ist. P. K.

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Mr. Moore, Sie lehnen Logik in der Kunst ab: Ist die Theorie für den Künstler störend?