Bangemachen gilt nicht: Die Bundesbank muß ihre Restriktionen durchhalten, auch wenn es weh tut

Wer erinnert sich noch? Ludwig Poullain, Landesbanker und Kanzlerberater, gehörte seit Jahren zu den Stabilitäts-Predigern im Lande. Nie wurde er müde, von Regierung und Notenbank "harte Maßnahmen ohne Rücksicht auf irgendwelche Interessengruppen" zu fordern. Doch nun, da auch Banken die "Härte" zu spüren bekommen, will Poullain von Stabilitätspolitik nicht mehr viel wissen: Er wirft der Bundesbank vor, ein "Spiel mit dem Feuer" zu betreiben.

Erwähnenswert ist der Sinneswandel des Ludwig Poullain (Franz Thoma in der Süddeutschen Zeitung: "Der in seinem Urteil sehr schwankende Landesbankchef") natürlich vor allem deshalb, weil sein Name für viele steht. Bankiers und Unternehmer, Politiker und Gewerkschaftsführer rufen meist nur so lange nach Stabilität, bis sich die ersten – angeblich herbeigesehnten – Wirkungen einer Restriktionspolitik zeigen. Das prominenteste Beispiel dafür bietet die Bundesregierung, die immer wieder treuherzig versichert, die Wiedergewinnung der Preisstabilität sei ihr wichtigstes Ziel, aber selbstverständlich dürften dabei Arbeitsplätze nicht gefährdet werden. Besonders schlimm ist, daß man zumindest bei einigen Kabinettsmitgliedern den Eindruck hat, daß sie diesen Unfug auch noch glauben.

Gewiß: Zinsen bis zu zeitweise 40 Prozent und die Pleite der Bau-Kredit-Bank signalisieren eine Krise. Aber konnte irgend jemand anderes erwarten? Wenn man sich nach dreijährigem Inflationsrausch mit Preissteigerungen von zuletzt um acht Prozent (bei weiter steigender Tendenz) entschließt, den Weg zurück zu relativer Stabilität zu suchen, dann mußte man wissen, daß dies nur ein Weg zwar nicht voll Blut, aber doch voll "Schweiß und Tränen" sein wird.

Wir sind erst ganz am Anfang dieses Weges. Das Wirtschaftsministerium muß in seinem jüngsten Monatsbericht feststellen: "Für eine Beruhigung des Konjunkturverlaufs und eine gemäßigte Preisentwicklung gibt es bisher noch keine überzeugenden Beweise." Wer heute schon von der Gefahr eines "Overkills der Konjunktur" spricht, der empfiehlt praktisch, den Kampf gegen die Inflation nach dem ersten Vorgeplänkel abzubrechen.

Natürlich ist es Aufgabe der Konjunkturpolitik, rechtzeitig gegenzusteuern. Natürlich ist es auch vernünftig, den Kreditinstituten aus akuter Liquiditätsklemme zu helfen: einen Flächenbrand wird niemand wünschen. Aber im Grundsatz muß die Bundesbank ihre Restriktionspolitik konsequent durchhalten, bis sie sichtbar Wirkung zeigt.

Durchhalten auch dann, wenn es noch mehr Pleiten, noch mehr Nervosität in der Wirtschaft, noch mehr Kritik gibt. Und das wird kommen, wenn erst einmal der Boom zu Ende geht – bei uns und draußen auf dem Weltmarkt. Die Juni-Zahlen geben einen ersten Hinweis darauf, daß die Kunden in aller Welt allmählich merken, wie teuer Mark- und wie billig Dollar-Waren geworden sind. Der deutsche Export ist im Juni nur noch vergleichsweise langsam gewachsen (10 Prozent gegenüber 21 Prozent im Durchschnitt Januar bis Mai), die USA erzielten im zweiten Quartal 1973 zum erstenmal seit eineinhalb Jahren einen minimalen Exportüberschuß.