Bank- und Versicherungsangestellte werden an ihren Unternehmen beteiligt

Am vergangenen Wochenende war für etwa 90 000 Franzosen ein Zahltag besonderer Art. Die Angestellten der staatlichen Großbanken und Versicherungen wurden Aktionäre ihres Unternehmens – ohne einen einzigen Franc dafür zu bezahlen.

Mit dieser "Aktion Gratisaktien" will die Regierung in Paris eine Idee vorantreiben, die einst Charles de Gaulle als "dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus" propagierte: die participation, die Beteiligung der Arbeitnehmer an den Gewinnen ihres Unternehmens. Bereits 1967 wurden alle Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern zur participation gesetzlich verpflichtet.

Im Dezember 1970 hatte sich die Regierung zu einer demonstrativen Beteiligungsaktion entschlossen: Sie verschenkte Aktien an 45 000 Mitarbeiter des staatlichen Autoriesen Renault. Mit einigem Argwohn bildeten damals die linken Gewerkschaften auf die teilweise Reprivatisierung öffentlicher Betriebe. Doch Staatspräsident Georges Pompidou ließ sich von der sozialpolitischen Lieblingsidee seines Amtsvorgängers de Gaulle nicht abbringen und ordnete jetzt die Teilprivatisierung des Finanzsektors an.

Sein Wirtschafts- und Finanzminister Valéry Giscard d’Estaing zeigte aber unmißverständlich die Grenzen der Aktion auf: Die nach dem letzten Krieg nationalisierten Großbanken und Versicherungen bleiben eine Domäne des Staates. Er wird höchstens 25 Prozent ihres Kapitals in private Hände geben, und die Bankmanager werden nach wie vor an die Direktiven der Regierung gebunden sein. In die Verwaltungsräte werden allerdings bald Aktionärsvertreter einziehen.

Die drei größten Depositenbanken des Landes (Banque Nationale de Paris, Crédit Lyonnais, Société Générale) können also seit ein paar Tagen rund 70 000 Teilhaber vorweisen, denen sie 620 000 Aktien überlassen haben. Dem Nennwert der Papiere von 62 Millionen Franc entspricht ein geschätzter Marktwert von über 400 Millionen Franc. Eine Aktie dürfte damit annähernd 700 Franc wert sein.

Je nach Dienstalter und Position kann ein Mitarbeiter bis zu 20 Aktien beanspruchen. Er darf die Papiere aber zunächst fünf Jahre lang nicht verkaufen. Dieses Verbot gilt nicht bei Betriebswechsel, Entlassung oder Heirat. Und ab sofort hat jeder Mitarbeiter-Aktionär auch einen Anspruch auf Dividende, die bisher ausschließlich in den Staatshaushalt floß.