Von Wilhelm Roth

Kein Mensch, kein Erwachsener auf der ganzen Welt habe eine völlig einwandfreie Vergangenheit, eine Vergangenheit ohne Schuld und Fehl – damit fängt es an. Das ist der Ausgangspunkt vieler Theaterstücke, Romane, Erzählungen. Kriminalgeschichten vor allem leben davon: Ein Mord wurde begangen, ein Fehltritt vertuscht, jemand wurde erpreßt, ein Familienstreit nie geschlichtet – Jahre später dringt die vergessen geglaubte Tat ans Tageslicht. Ziel der Geschichte, dies zu Ende zu führen, einen Schlußpunkt zu setzen. Kriminalromane sind fast immer Nachgeschichten. Detektive gleichen häufig Historikern.

Auch Patricia Highsmith wird meist unter die Kriminalschriftsteller gerechnet. Sprengen aber schon ihre Romane das Schema des Genres, so zeigen ihre Geschichten –

Patricia Highsmith: "Gesammelte Geschichten", Vorwort von Graham Greene, aus dem Amerikanischen von Anne Uhde; Diogenes Verlag, Zürich; 256 S., 16,80 DM

daß alle Versuche der Kategorisierung vergeblich wären. Zwar sind auch diese Texte häufig Nachgeschichten; das Zitat oben ist ein zentraler Satz aus der Erzählung "Leer ist das Vogelhaus". Aber nur selten – und in den schwächeren Stücken – geht auch etwas zu Ende. Ihre Erzählungen sind im Gegenteil vor allem auch Vorgeschichten: Keine Sühne, keine Erlösung, nicht einmal ein schneller Tod wird den Hauptpersonen gewährt, sondern nur die Aussicht auf neue, wer weiß wann endende Schmerzen und Qualen.

Die artistische Vollkommenheit, mit der diese Kunststücke faszinieren, der finstere, unparodierbare Ernst, der auch den kaltschnäuzigsten Leser (vermute ich wenigstens) bedrängt, machen aus diesen Geschichten mehr als nur eine (angenehm) gruselige Lektüre. Noch mit den ausgefallensten Erfindungen trifft uns Patricia Highsmith so sehr, daß wir plötzlich begreifen: Alle diese bizarren Gestalten sind ebenso normal wie wir, was heißt, wir Normale sind nicht weniger bizarr, krank, aggressiv, von Angst zerfressen oder einsam als diese Gestalten der Phantasie.

Verbrechen bei Patricia Highsmith, das sind nicht in erster Linie Morde, sondern scheinbar harmlose Taten. Eine Mutter kocht eine Schildkröte, von der ihr Sohn geglaubt hatte, er bekäme sie als Geschenk. Zwei alte Frauen in einem Heim quälen einander: die eine zerschneidet der anderen die Wolljacke, die wiederum beraubt ihre Freundin nachts heimlich des Haarzopfes. Ein kleiner Junge in Italien – einem Amerikaner, der gerade seine Familie durch einen Autounfall verloren hat, zum Trost geworden – stiehlt. Eine Gruppe von jungen Männern spielt jeden Sonntag nachmittag Baseball und terrorisiert mit ihrem Lärm die Bewohner des nahe liegenden Hauses.