Schock für Röntgenärzte

Von Theo Löbsack

Am 1. September 1973 tritt die sogenannte Röntgenverordnung in Kraft, mit der 12 000 bis 18 000 bundesdeutschen Teil- und Vollröntgenologen einschneidende Auflagen für die Benutzung von Röntgeneinrichtungen gemacht werden. Die Verordnung ist nach fast zehnjährigem Gerangel mit der Bundesärztekammer zustande gekommen, doch die betroffenen Ärzte sind alles andere als beglückt.

Zu den von ihnen am lästigsten empfundenen Bestimmungen gehört die Befragungs- und Aufzeichnungspflicht. Paragraph 29 verlangt, daß jeder Patient vor einer Röntgenuntersuchung oder -behandlung nach früherer Anwendung ionisierender Strahlen zu befragen sei, weibliche Personen auch, nach einer etwa bestehenden Schwangerschaft.

Die Angaben des Patienten müssen aufgezeichnet werden. Darüber hinaus verlangt die Verordnung detaillierte Aufzeichnungen vom Arzt über Zeitpunkt, Art der Untersuchung, Größe der Strahlenbelastung, Durchleuchtungsdauer, Dosisleistung, Dauer und Zeitfolge von Bestrahlungen, Oberflächen- und Herddosis und dergleichen. Die Aufzeichnungen müssen dem Patienten auf dessen Wunsch abschriftlich ausgehändigt werden, der Arzt muß sie 30 Jahre aufbewahren.

Das greift, meint Ausschußsprecher Dr. Wolfgang Schmidt von der Bundesärztekammer, weitgehend in die Ausübung des ärztlichen Berufes ein und wird den medizinischen Fortschritt erheblich behindern. Die Ärzte hatten schon die vorläufige Fassung der Verordnung (auf ihrem 73. Deutschen Ärztetag) einstimmig abgelehnt. Dabei mißbilligten sie auch die hohen Strafen bei Nichteinhaltung der Bestimmungen. Es drohen dem Arzt Geldbußen bis zu 100 000 Mark für den Fall, daß er Änderungen an seinem Röntgengerät vornimmt.

Eine weitere, vor allem zeitraubende Auflage ist der Nachweis der Fachkunde. Laut Paragraph 4 Absatz 2 der Verordnung müssen die Röntgenärzte eine Bescheinigung über den Besuch eines Strahlenschutzlehrganges vorlegen. Dagegen hatten die Ärzte eingewandt, ein Röntgenologe mit jahrelanger Erfahrung werde wohl genügend Kenntnisse im Strahlenschutz erlangt haben, um solchen Nachhilfeunterricht entbehren zu können.

Und weiter: Eine Ausfertigung der Genehmigungsurkunde oder der Bauartzulassung und die Betriebsanleitung des Röntgengerätes, außerdem ein Abdruck der Röntgenverordnung müssen zur Einsicht bereitgehalten oder ausgehängt werden. Dazu kommen Bestimmungen wie die, Röntgenbehandlungen und -Untersuchungen bei bestehender Schwangerschaft zu unterlassen, es sei denn, die Indikation dazu sei zwingend. In diesem Fall muß die Strahlenbelastung für die Leibesfrucht aufs äußerste begrenzt werden.

Schock für Röntgenärzte

Vieles von dem hat Mißbehagen aufkommen lassen. Mittlerweile freilich wird die Bedrohung des Menschen durch ionisierende Strahlen in aller Welt zunehmend ernster eingeschätzt. Nicht die Atombombentests oder die Kernkraftwerke, sondern die Strahlenanwendung in der Medizin durch Röntgengeräte und Radionuklide, schließlich auch der Umgang mit radioaktiven Isotopen in der Technik sind die wesentlichen Risikofaktoren. Dabei geht es nicht nur um mögliche Körperschäden durch ionisierende Strahlen, sondern auch um Erbschäden, die gegebenenfalls erst spätere Generationen betreffen. Nach einer Empfehlung der Internationalen Kommission für Strahlenschutz (ICRP) sollte die künstliche Strahlenbelastung der Bevölkerung innerhalb 30 Jahren 5 rem nicht übersteigen (rem ist eine Abkürzung für "röntgen equivalent man" und bedeutet eine Maßeinheit für die Dosis ionisierender Strahlen mit der gleichen biologischen Wirksamkeit im Gewebe des menschlichen Körpers wie eine Röntgeneinheit (r); das ist die Strahlenmenge, die in einem Kubikzentimeter Luft zwei Milliarden Ionenpaare erzeugt). Der Wert von 5 rem entspricht etwa dem der durchschnittlichen, natürlichen Strahlenbelastung der Bevölkerung innerhalb von 30 Jahren. Bei seiner Festsetzung wurde angenommen, daß eine Verdoppelung der Zahl der Erbänderungen je Zeiteinheit, der sogenannten Mutationsrate, gerade noch tolerierbar sei.

Nach einer Aufstellung von Barthelmeß beträgt schon die bei einer einzelnen Röntgenaufnahme im Bereich des Bauches angewendete Dosis zwischen 0,6 und 9 Röntgeneinheiten an der Körperoberfläche. Bei einer Durchleuchtung im gleichen Bereich müsse mit 10 bis 12 t gerechnet werden. Diese Zahlen sind allerdings relativ, da jeweils zahlreiche Faktoren für die Dosis bestimmend sind. Was Durchleuchtungen betrifft, so. kann man davon ausgehen, daß dank neuzeitlicher Gerätetechnik und Bildverstärker nur noch etwa ein Zehntel der vor 20 Jahren üblichen Dosen notwendig sind. Auch hier kommt es jedoch entscheidend auf die Erfahrung und die individuelle Arbeitsweise des Röntgenarztes an.

Was den Gesetzgeber zu so drastischen Schritten im Strahlenschutz bewogen hat, ist nicht nur die Sorge um die Sicherheit des Patienten, sondern auch um die des Arztes und seines Personals. Nach einer amerikanischen Statistik wurden unter 82 000 Ärzten diejenigen, die in ihrer Praxis keinen Kontakt mit Röntgenstrahlen hatten, durchschnittlich 65,7 Jahre alt, Radiologen dagegen nur 60,5 Jahre. Um das Strahlenrisiko für Arzt und Personal so gering wie möglich zu halten, sind nach der neuen Verordnung strenge Vorschriften für die Kennzeichnung des Röntgenraumes und für den Aufenthalt im Kontroll- und Überwachungsbereich bindend.

Es ist zwar zufällig, daß wir in eben diesem Jahr den 50. Todestag Wilhelm Conrad Röntgens feiern, doch lassen gerade die jetzt auch in anderen, Ländern, verschärften Strahlenschutzmaßnahmen an die historische Stunde am Abend des 8. November 1895 denken. In seinem Würzburger Labor hatte Röntgen damals eine abgedunkelte Vakuumröhre eingeschaltet und eine merkwürdige Linie bemerkt, die zur gleichen Zeit auf einem fluoreszierenden Stück Pappe in der Nähe erschien. Kurz darauf hatte ein Reporter das Glück, eine erste Stellungnahme des Entdeckers zu diesem Vorgang zu, bekommen. Er selber hat sie überliefert:

Röntgen: "Ich arbeitete mit einer Hittorf-Crookeschen Röhre, welche ganz in schwarzes Papier eingehüllt war. Ein Stück Bariumplatinzyanürpapier lag daneben auf dem Tisch. Ich schickte einen Strom durch die Röhre und bemerkte quer über das Papier eine eigentümliche schwarze Linie." Der Reporter: "Was war das?" Röntgen: "Die Wirkung war derart, daß sie ... nur von einer Lichtstrahlung herrühren konnte. Es war aber ganz ausgeschlossen, daß von der Röhre Licht kam, weil das dieselbe bedeckende Papier sicherlich kein Licht hindurchließ, selbst nicht das einer elektrischen Bogenlampe." Der Reporter: "Was dachten Sie sich da?" Röntgen: "Ich dachte nicht, sondern ich untersuchte..."

Heute wissen wir, daß Röntgenstrahlen Bremsstrahlen sind, die entstehen, wenn ein Strahl energiereicher Elektronen auf eine metallische Anode trifft. Dank ihrer Eigenschaft, das lebende Gewebe zu durchdringen und photographisches Material zu schwärzen, sind sie zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Medizin geworden. Aber auch ihre Zweischneidigkeit zeigte sich schon früh. Der erste Leidtragende war angeblich ein Jahr nach Röntgens Entdeckung ein Hersteller von Glasgeräten aus Chikago. Er zog sich Verbrennungen zu, als deren Folge seine linke Hand amputiert werden mußte. Im Jahre 1922 verzeichnete eine Statistik schon 100 Todesfälle unter Ärzten und Forschern, denen die Strahlen zum Verhängnis geworden waren.

Die Frage, wie die Röntgenstrahlen das Gewebe schädigen, beantwortet sich mit ihrer Fähigkeit zur Ionisation. Die Strahlenteilchen sind wie ein Strom winziger Geschosse. Sie verändern auf ihrer Bahn, grob ausgedrückt, die elektrischen Ladungsverhältnisse der Atome und Moleküle. Es kommt zu beschädigten, zerbrochenen oder unerwünscht reagierenden chemischen Verbindungen, deren Ergebnis unter Umständen ein Strahlenkrebs sein kann.

Schock für Röntgenärzte

Die andere Seite des Risikos ist der genetische Aspekt. Als Hermann Joseph Muller im Jahre 1927 nach Versuchen an Taufliegen zum erstenmal auf die erbbiologischen Zusammenhänge verwies, hielt man seine Warnung für abwegig. So wurde beispielsweise damit fortgefahren, Frauen bei gegebener Indikation durch Bestrahlung beider Eierstöcke mit Dosen um 300 r zeitweilig zu sterilisieren. Erst im Jahre 1934 wurde die temporäre Strahlensterilisierung aufgegeben. Auch die Röntgenreizbestrahlung ließ man fallen, und Muller erhielt für seine Entdeckung den Nobelpreis.

Das genetische Risiko besteht allerdings auch in Form von rund 400 Stoffen synthetischer und natürlicher Herkunft, die als mutagene (Erbänderungen auslösende) Substanzen in der Umwelt des Menschen vorkommen. Diese Zahl nannte am 19. Juni 1973 Staatssekretär Westphal vom Gesundheitsministerium auf eine Anfrage des Abgeordneten Dr. Schmitt-Vockenhausen, ob die Bundesregierung beabsichtige, der Öffentlichkeit einen Katalog dieser Substanzen bekanntzugeben (dazu DIE ZEIT vom 25. Mai 1973). Westphal erklärte, die Bundesregierung wolle von einer solchen Bekanntgabe absehen. Die Schaden-Nutzen-Abwägung sei zur Zeit noch schwierig. Westphal: "Die Bekanntgabe einer Aufstellung von mutagenen Stoffen würde sich bei dieser Sachlage in der Öffentlichkeit so auswirken, daß Fehleinschätzungen zu erwarten sind und damit der so nicht zutreffende Eindruck hervorgerufen wird, man sei von einer Vielzahl derartiger Stoffe bedroht."

Tröstlich bleibt der Hinweis des Staatssekretärs, daß die Bundesregierung sich mit der Problematik dieser Stoffgruppe ständig befasse. Wir können nur hoffen, daß dies auch dort geschieht, wo die mutagenen Substanzen hergestellt, verarbeitet und in den Handel gebracht werden. Früher oder später wird ohnehin eine Verordnung über Herstellung und Gebrauch mutagener Chemikalien der Röntgenverordnung an die Seite gestellt werden müssen, wenn diese nicht ein Tropfen auf den heißen Stein bleiben soll.