Vieles von dem hat Mißbehagen aufkommen lassen. Mittlerweile freilich wird die Bedrohung des Menschen durch ionisierende Strahlen in aller Welt zunehmend ernster eingeschätzt. Nicht die Atombombentests oder die Kernkraftwerke, sondern die Strahlenanwendung in der Medizin durch Röntgengeräte und Radionuklide, schließlich auch der Umgang mit radioaktiven Isotopen in der Technik sind die wesentlichen Risikofaktoren. Dabei geht es nicht nur um mögliche Körperschäden durch ionisierende Strahlen, sondern auch um Erbschäden, die gegebenenfalls erst spätere Generationen betreffen. Nach einer Empfehlung der Internationalen Kommission für Strahlenschutz (ICRP) sollte die künstliche Strahlenbelastung der Bevölkerung innerhalb 30 Jahren 5 rem nicht übersteigen (rem ist eine Abkürzung für "röntgen equivalent man" und bedeutet eine Maßeinheit für die Dosis ionisierender Strahlen mit der gleichen biologischen Wirksamkeit im Gewebe des menschlichen Körpers wie eine Röntgeneinheit (r); das ist die Strahlenmenge, die in einem Kubikzentimeter Luft zwei Milliarden Ionenpaare erzeugt). Der Wert von 5 rem entspricht etwa dem der durchschnittlichen, natürlichen Strahlenbelastung der Bevölkerung innerhalb von 30 Jahren. Bei seiner Festsetzung wurde angenommen, daß eine Verdoppelung der Zahl der Erbänderungen je Zeiteinheit, der sogenannten Mutationsrate, gerade noch tolerierbar sei.

Nach einer Aufstellung von Barthelmeß beträgt schon die bei einer einzelnen Röntgenaufnahme im Bereich des Bauches angewendete Dosis zwischen 0,6 und 9 Röntgeneinheiten an der Körperoberfläche. Bei einer Durchleuchtung im gleichen Bereich müsse mit 10 bis 12 t gerechnet werden. Diese Zahlen sind allerdings relativ, da jeweils zahlreiche Faktoren für die Dosis bestimmend sind. Was Durchleuchtungen betrifft, so. kann man davon ausgehen, daß dank neuzeitlicher Gerätetechnik und Bildverstärker nur noch etwa ein Zehntel der vor 20 Jahren üblichen Dosen notwendig sind. Auch hier kommt es jedoch entscheidend auf die Erfahrung und die individuelle Arbeitsweise des Röntgenarztes an.

Was den Gesetzgeber zu so drastischen Schritten im Strahlenschutz bewogen hat, ist nicht nur die Sorge um die Sicherheit des Patienten, sondern auch um die des Arztes und seines Personals. Nach einer amerikanischen Statistik wurden unter 82 000 Ärzten diejenigen, die in ihrer Praxis keinen Kontakt mit Röntgenstrahlen hatten, durchschnittlich 65,7 Jahre alt, Radiologen dagegen nur 60,5 Jahre. Um das Strahlenrisiko für Arzt und Personal so gering wie möglich zu halten, sind nach der neuen Verordnung strenge Vorschriften für die Kennzeichnung des Röntgenraumes und für den Aufenthalt im Kontroll- und Überwachungsbereich bindend.

Es ist zwar zufällig, daß wir in eben diesem Jahr den 50. Todestag Wilhelm Conrad Röntgens feiern, doch lassen gerade die jetzt auch in anderen, Ländern, verschärften Strahlenschutzmaßnahmen an die historische Stunde am Abend des 8. November 1895 denken. In seinem Würzburger Labor hatte Röntgen damals eine abgedunkelte Vakuumröhre eingeschaltet und eine merkwürdige Linie bemerkt, die zur gleichen Zeit auf einem fluoreszierenden Stück Pappe in der Nähe erschien. Kurz darauf hatte ein Reporter das Glück, eine erste Stellungnahme des Entdeckers zu diesem Vorgang zu, bekommen. Er selber hat sie überliefert:

Röntgen: "Ich arbeitete mit einer Hittorf-Crookeschen Röhre, welche ganz in schwarzes Papier eingehüllt war. Ein Stück Bariumplatinzyanürpapier lag daneben auf dem Tisch. Ich schickte einen Strom durch die Röhre und bemerkte quer über das Papier eine eigentümliche schwarze Linie." Der Reporter: "Was war das?" Röntgen: "Die Wirkung war derart, daß sie ... nur von einer Lichtstrahlung herrühren konnte. Es war aber ganz ausgeschlossen, daß von der Röhre Licht kam, weil das dieselbe bedeckende Papier sicherlich kein Licht hindurchließ, selbst nicht das einer elektrischen Bogenlampe." Der Reporter: "Was dachten Sie sich da?" Röntgen: "Ich dachte nicht, sondern ich untersuchte..."

Heute wissen wir, daß Röntgenstrahlen Bremsstrahlen sind, die entstehen, wenn ein Strahl energiereicher Elektronen auf eine metallische Anode trifft. Dank ihrer Eigenschaft, das lebende Gewebe zu durchdringen und photographisches Material zu schwärzen, sind sie zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Medizin geworden. Aber auch ihre Zweischneidigkeit zeigte sich schon früh. Der erste Leidtragende war angeblich ein Jahr nach Röntgens Entdeckung ein Hersteller von Glasgeräten aus Chikago. Er zog sich Verbrennungen zu, als deren Folge seine linke Hand amputiert werden mußte. Im Jahre 1922 verzeichnete eine Statistik schon 100 Todesfälle unter Ärzten und Forschern, denen die Strahlen zum Verhängnis geworden waren.

Die Frage, wie die Röntgenstrahlen das Gewebe schädigen, beantwortet sich mit ihrer Fähigkeit zur Ionisation. Die Strahlenteilchen sind wie ein Strom winziger Geschosse. Sie verändern auf ihrer Bahn, grob ausgedrückt, die elektrischen Ladungsverhältnisse der Atome und Moleküle. Es kommt zu beschädigten, zerbrochenen oder unerwünscht reagierenden chemischen Verbindungen, deren Ergebnis unter Umständen ein Strahlenkrebs sein kann.