Die andere Seite des Risikos ist der genetische Aspekt. Als Hermann Joseph Muller im Jahre 1927 nach Versuchen an Taufliegen zum erstenmal auf die erbbiologischen Zusammenhänge verwies, hielt man seine Warnung für abwegig. So wurde beispielsweise damit fortgefahren, Frauen bei gegebener Indikation durch Bestrahlung beider Eierstöcke mit Dosen um 300 r zeitweilig zu sterilisieren. Erst im Jahre 1934 wurde die temporäre Strahlensterilisierung aufgegeben. Auch die Röntgenreizbestrahlung ließ man fallen, und Muller erhielt für seine Entdeckung den Nobelpreis.

Das genetische Risiko besteht allerdings auch in Form von rund 400 Stoffen synthetischer und natürlicher Herkunft, die als mutagene (Erbänderungen auslösende) Substanzen in der Umwelt des Menschen vorkommen. Diese Zahl nannte am 19. Juni 1973 Staatssekretär Westphal vom Gesundheitsministerium auf eine Anfrage des Abgeordneten Dr. Schmitt-Vockenhausen, ob die Bundesregierung beabsichtige, der Öffentlichkeit einen Katalog dieser Substanzen bekanntzugeben (dazu DIE ZEIT vom 25. Mai 1973). Westphal erklärte, die Bundesregierung wolle von einer solchen Bekanntgabe absehen. Die Schaden-Nutzen-Abwägung sei zur Zeit noch schwierig. Westphal: "Die Bekanntgabe einer Aufstellung von mutagenen Stoffen würde sich bei dieser Sachlage in der Öffentlichkeit so auswirken, daß Fehleinschätzungen zu erwarten sind und damit der so nicht zutreffende Eindruck hervorgerufen wird, man sei von einer Vielzahl derartiger Stoffe bedroht."

Tröstlich bleibt der Hinweis des Staatssekretärs, daß die Bundesregierung sich mit der Problematik dieser Stoffgruppe ständig befasse. Wir können nur hoffen, daß dies auch dort geschieht, wo die mutagenen Substanzen hergestellt, verarbeitet und in den Handel gebracht werden. Früher oder später wird ohnehin eine Verordnung über Herstellung und Gebrauch mutagener Chemikalien der Röntgenverordnung an die Seite gestellt werden müssen, wenn diese nicht ein Tropfen auf den heißen Stein bleiben soll.