Von Jürgen Kramer

Washington, im August

Noch vor ein paar Tagen hatte sich Richard Nixon hart gegeben: Um des Prinzips der Gewaltenteilung und des von ihr abgeleiteteten Exekutivprivilegs willen, so hatte er kundgetan, müsse er darauf bestehen, daß die vertraulichen Dokumente des Präsidenten der Öffentlichkeit vorenthalten blieben. Selbst unter Strafandrohung hatte er sich geweigert, dem Ervin-Komitee und Sonderstaatsanwalt Cox die Tonbandaufzeichnungen jener Gespräche mit John Dean auszuhändigen, die darüber Aufschluß geben können, ob die schweren Vorwürfe seines ehemaligen Rechtsberaters gegen ihn zu Recht bestehen. "Die Tonbänder, die meiner ausschließlichen persönlichen Kontrolle unterstanden", so hatte Nixon am 23. Juli dem Ervin-Komitee klargemacht, "werden es auch künftig bleiben. Keines von ihnen ist abgeschrieben oder veröffentlich worden, und das wird auch in Zukunft nicht geschehen."

Diese apodiktische Erklärung, die den schwersten Verfassungskonflikt Amerikas seit dem Bürgerkrieg heraufbeschwor, wurde jedoch schon nach einer Woche wieder abgeschwächt. So trauten die Mitglieder des Ervin-Komitees ihren Ohren nicht, als ihnen "Bob" Haldeman, der ehemalige Stabschef des Präsidenten, jetzt anbot, sie selbst über die Tonbandaufzeichnungen von zwei Schlüsselunterredungen zwischen Nixon, Dean und ihm selbst zu informieren.

Er erschien mit der offensichtlich im Weißen Haus abgesegneten Absicht im Zeugenstand, eine den Präsidenten entlastende Version über zwei auf Tonband festgehaltene, entscheidende Unterredungen in Nixons Oval Office vom 15. September 1972 und 21. März 1973 unters Volk zu bringen. Die Vertraulichkeit dieser Gespräche, von der Nixon noch wenige Tage zuvor gesagt hatte, sie verbiete es, die Tonbänder publik zu machen, galt nun auf einmal nicht mehr.

Den Senatoren verschlug es fast die Sprache, als sie von Haldeman erfuhren, daß Nixon ihm eines der beiden Tonbänder – über die Unterredung vom 15. September 1972 – Anfang Juli dieses Jahres zur Verfügung gestellt hatte – immerhin zwei Monate, nachdem Haldeman seinen Posten im Weißen Haus hatte quittieren müssen. Dem Privatmann Haldeman gestattete Nixon, das angeblich so kostbare Geheimnis des Weißen Hauses über Nacht in seiner Wohnung zu hüten. "Es ist schon seltsam", stammelte Sam Ervin fassungslos ins Mikrophon, "daß Mr. Haldeman die Tonbänder abhören darf, aber das Komitee daran gehindert wird."

Die Bänder, so behauptete Bob Haldeman, straften die Anklagen John Dearis Lügen, der Präsident sei in die .Vertuschung des Skandals verwickelt gewesen. Vielmehr sei Nixon von seinem Rechtsberater nicht genügend informiert worden und habe sich daher an den beiden genannten Tagen durch Befragung Deans ein Bild vom Stand der Dinge machen wollen. Vor allem das zweite Tonband vom 21. März 1973 mache deutlich, daß Nixon es darauf angelegt habe, in einem "hypothetischen Frage-und-Antwort-Spiel" aus Dean "herauszukriegen, was wirklich vor sich ging". Nur so sei Nixons Feststellung zu verstehen, es gebe keine Probleme, eine Million Dollar für die im Watergate-Prozeß Verurteilten aufzubringen. Doch nachdem er Dean auf diese Weise auf den Zahn gefühlt habe, habe Nixon klargestellt, daß weder Schweigegelder noch Begnadigungsversprechen in Frage kämen. Diese Interpretation hat freilich den Verdacht gegen Nixon nicht zerstreut. Sie hat vielmehr die Forderung noch stärker werden lassen, daß die Tonbänder endlich publik gemacht werden.