Kiel

Der Dreher Ernst Thode aus Kiel hatte schon um fünf Uhr morgens seine Urlaubsreise nach Österreich angetreten, um – wie er bei der Abfahrt einer Nachbarin erzählte – nicht in den dicken Berufsverkehr auf der zweispurigen Bundesstraße 404 zu geraten. Eine halbe Stunde später waren er, seine Frau und seine drei Kinder im Alter von sieben bis zwölf Jahren tot. Thode war längere Zeit hinter einer Zugmaschine hergefahren. Als er, nervös geworden, auf regennasser Straße endlich zum Überholen ansetzte, stieß er mit dem Volkswagen des Vertreters Otto Ringel aus Norderstedt zusammen. Der überlebte den Unfall ebenfalls nicht. Sechs Tote im Morgengrauen, Opfer einer Bundesstraße, die wegen ihrer gefährlichen Linienführung berühmt-berüchtigt ist und immer wieder wegen spektakulärer Unfälle Schlagzeilen macht.

Gewarnt wird schon seit langem – seit 1958, als die Straße als Kieler Schnellweg freigegeben wurde. In ausländischen Straßenkarten heißt sie noch heute Schnellweg, obwohl schon Anfang der sechziger Jahre das schleswig-holsteinische Verkehrsministerium diese Bezeichnung aus psychologischen Gründen verbot. In einem Gutachten bezeichnete der ADAC die 76 Kilometer lange Strecke zwischen Kiel und der Autobahnauffahrt bei Bargteheide als "kriminell", skandinavische Kraftfahrerverbände sprechen von "Todesstraße". Anlieger und Verkehrsteilnehmer protestierten gegen die Straße, die in den Augen der Automobilklubs Hamburg und Schleswig-Holstein "eine Bankrotterklärung der Straßenbauer" ist.

In der Tat scheint die Bilanz dieser Strecke die Argumente zu unterstützen. Nach Angaben des Kieler Verkehrsministeriums gab es auf dieser Straße in der Zeit von 1960 bis 1972 rund 5400 Verkehrsunfälle mit 225 Toten und 3300 Verletzten.

Die Straße hat zudem bestimmte Unfallschwerpunkte. An fast genau derselben Stelle, wo der Kieler Dreher mit seiner Familie in den Trümmern seines Autos verbrannte, verunglückten vor fünf Wochen vier Autofahrer ebenfalls tödlich. Dabei verläuft gerade hier die Straße rund 300 Meter lang schnurgerade zwischen zwei langgezogenen Kurven. Ein freies Stück also, das zum Rasen und Überholen geradezu animiert, zumal nur an wenigen Stellen der Gesamtstrecke noch freie Fahrt eingeräumt wird. Die größten Gefahren lauern also auf den amtlich als ungefährlich deklarierten Streckenabschnitten. Psychologen haben festgestellt, daß dauernde Überholverbote, Geschwindigkeitsbegrenzungen und unübersichtliche Strecken bei den Autofahrern Aggressionen hervorrufen, die dann, auf freieren Teilstücken, abreagiert werden.

Zwischen dem Anschluß an die Autobahn Hamburg–Lübeck und Kiel ist etwa ein Drittel der B 404 mit Überholverboten oder Geschwindigkeitsbegrenzungen reglementiert. Dazu kommen dann noch jene Abschnitte, auf denen Überholverbote sich auf natürliche Weise regeln: unübersichtliche Kurven sowie Hebungen der Trasse. Genau dort aber passieren die meisten Unfälle, weil ungeduldige Fahrer alle Vorsicht fahrenlassen. Schon jetzt, so der Dezernent im Landesamt für Straßenbau und Straßenverkehr, Jens Ruge, würden im Amt weitere Überholverbote ausgetüftelt. Es habe sich gezeigt, daß an die Vernunft vieler Autofahrer nur mit Verboten appelliert werden könne. Ein Teufelskreis: Mehr Schilder schaffen mehr Aggressionen und damit auch mehr Unfälle, ohne Schilder scheint es aber auch nicht zu gehen.

Eine gewisse Entlastung der Strecke versprachen sich die Verkehrsplaner vom Bau der Autobahn Hamburg–Flensburg mit Abzweiger nach Kiel. Diese Hoffnung hat sich bislang jedoch nicht erfüllt. Die Belastung der B 404 nimmt zu.