Draculas Zähne, jene wie Dolche die Unterlippe überragenden Fänge, zieren das Gebiß der südamerikanischen Vampir-Fledermaus. Aber die Wunden reißt das nur sieben Zentimeter lange und kaum 30 Gramm schwere Tier mit rasiermesserscharfen Schneidezähnen zwischen den Reißern, und zwar so geschickt, daß seine schlafenden Opfer nichts spüren. Vielleicht führt der Vampir, so meint der Fledermaus-Forscher Arthur M. Greenhall vom amerikanischen Smithsonian Institut, seinen Opfern beim Biß ein schmerzbetäubendes Sekret zu. Greenhall hat im Auftrag der Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen die Gewohnheiten der Vampir-Fledermaus (Desmodus rotundus) studiert. Mit einem Nachtsicht-Gerät verfolgte er, wie sie sich ihre tägliche Blutration verschafft. Leicht wie eine Feder fliegt sie ihre Opfer an. Bis die günstigste Saugstelle gefunden ist, vergeht manchmal eine halbe Stunde. Bevorzugt werden reich durchblutete Hautpartien. Vor dem Biß, mit dem die Vampir-Fledermaus ein etwa vier Millimeter starkes Hautstück herauslöst, befeuchtet sie die Haare rings um die Bißstelle und "rasiert" sie aus. Dann schließt und öffnet sie mehrmals das Maul; vermutlich, um ihre Schneidezähne in einer Knochentasche im Unterkiefer zu schärfen. Aus der flachen Wunde saugt der Vampir dann durch zwei beidseitig der Zunge verlaufende Hautfurchen das Blut.

Da die Bißstelle nach dem Saugen noch längere Zeit weiterblutet, enthält der Speichel des Vampirs wahrscheinlich einen gerinnungshemmenden Stoff. Eine weitere Eigentümlichkeit besteht darin, daß die einmal gerissene Wunde ein und desselben Tieres mehrmals aufgesucht werden kann. Es genügt dann, daß der Vampir mit seiner rauhen Zungenkante den Schorf entfernt, um die Kapillaren zu neuer Blutspende anzuzapfen. Draculas Verruf, wie man sieht, ist nicht von ungefähr. Der Erfolg der nächtlichen Nahrungssuche der Vampir-Fledermaus – sie braucht täglich die Menge Blut, die in einen Teelöffel paßt – beruht vor allem auf der Behutsamkeit, mit der sie ihre Opfer anfliegt. Ulrich Steinbach